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Der Job, der dich langsam auffrisst

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

Die Letzte im Großraumbüro

Hier geht es um Erwachsene, die im Beruf immer wieder an dieselbe Grenze stoßen und gerade anfangen, sich zu fragen, ob das mit ihrer Art zu denken und wahrzunehmen zu tun hat. Die Beispiele kommen aus Büros, Agenturen, Behörden und Projektteams, also aus ganz gewöhnlichen Arbeitsplätzen. Es geht um das Gefühl „Mein Job passt nicht zu mir“, um die Frage, warum hochbegabte und neurodivergente Menschen, etwa mit ADHS oder Autismus, in manchen Rollen regelrecht ausbrennen, und warum sie den Grund dafür fast immer bei sich selbst suchen. Der Artikel erzählt, wie Berufsberatung, Arbeitspsychologie und Burnout-Forschung seit über hundert Jahren über die Passung zwischen Mensch und Arbeit nachdenken, und er liefert eine Erklärung, mit der sich die eigene Berufsbiografie neu lesen lässt.

Als du die Stelle angetreten hast, warst du begeistert. Projektleitung in einer Agentur, abwechslungsreiche Kunden, ein junges Team. Im Bewerbungsgespräch hast du überzeugt, weil du in zehn Minuten verstanden hattest, wo das Problem des Kunden lag, das alle anderen seit Monaten umkreisten.

Achtzehn Monate später sieht es anders aus. Dein Tag besteht aus acht Meetings, zwischen denen du Mails beantwortest, Zeitpläne aktualisierst und Statusberichte schreibst. Das Großraumbüro ist laut, alle fünf Minuten fragt jemand etwas. Die Momente, in denen du deine Stärke ausspielen kannst, also komplexe Probleme durchdringen und Lösungen sehen, die andere übersehen, kommen vielleicht zweimal im Monat vor.

Du bist die Letzte, die abends geht, und morgens bist du schon erschöpft, bevor der Tag angefangen hat. Dein Vorgesetzter sagt im Jahresgespräch: „Inhaltlich bist du top, aber an der Organisation musst du arbeiten.“ Du nickst. Und zu Hause denkst du: Andere schaffen das doch auch. Ich bin einfach nicht belastbar genug.

Es ist dein dritter Job in acht Jahren, und jedes Mal lief es ähnlich.

„Mein Job passt nicht zu mir“: eine Frage der Passung

Der Satz „Mein Job passt nicht zu mir“ beschreibt ziemlich genau, was die Arbeitspsychologie seit Jahrzehnten untersucht: das Verhältnis zwischen dem, was ein Mensch mitbringt, und dem, was eine Stelle von ihm verlangt und ihm bietet. Ihr Kern lässt sich so zusammenfassen: Belastung entsteht dort, wo das, was eine Stelle verlangt, und das, was ein Mensch gut kann und braucht, dauerhaft auseinanderliegen.

Aus dieser Sicht ist die Erschöpfung aus der Szene ein Signal über eine Beziehung, die nicht stimmt. Eine Beziehung hat zwei Seiten. Wer nur auf eine davon schaut, auf sich selbst, findet zwangsläufig dort den Fehler.

Warum gerade neurodivergente Menschen in der falschen Rolle ausbrennen

Hier greifen mehrere Ursachen ineinander. Besonders aufschlussreich sind zwei, denn sie zeigen, warum die Schere so weit aufgehen kann und warum Betroffene es trotzdem so lange als eigenes Versagen deuten.

Erstens: Dein Stärken-Schwächen-Profil hat Gipfel und Täler

Bei neurodivergenten Menschen liegen Stärken und Schwächen oft sehr weit auseinander. Jemand kann in Mustererkennung, Problemlösung oder Fachwissen weit über dem Durchschnitt liegen und gleichzeitig bei Planung, Selbstorganisation oder dem Ausblenden von Störungen deutlich darunter. Fachleute sprechen von einem zerklüfteten Profil, im Englischen spiky profile.

Bei vielen anderen Menschen liegen die Fähigkeiten näher beieinander. Sie sind in vielen Dingen ordentlich und in wenigen herausragend oder schwach. Mit einem solchen Profil kommt man in sehr unterschiedlichen Stellen zurecht. Bei einem zerklüfteten Profil hängt fast alles davon ab, welche Aufgaben eine Stelle genau umfasst. Eine Rolle, die vor allem deine Gipfel nutzt, kann dich beflügeln. Eine Rolle, die dich hauptsächlich in deinen Tälern arbeiten lässt, frisst dich auf.

In der Agentur aus der Szene liegen die Gipfel brach, und die Täler sind der Hauptinhalt des Tages: Koordination, ständige Unterbrechung, Lärm, Kleinkram. Jeder Tag kostet dich dort ein Vielfaches dessen, was er eine Kollegin mit gleichmäßigerem Profil kostet.

Eine Person mit einem Stapel Ordner im Arm steht tief in einem Tal einer zerklüfteten Gebirgslinie und schaut zu einem hohen, gelb gefüllten Gipfel hinauf, auf dem ein Puzzle und eine Glühbirne angedeutet sind. In den Tälern liegen grau ein Kalender, Briefumschläge und ein Lautsprecher.
Gipfel und Täler

Zweitens: Deine Gipfel verdecken deine Täler, für die anderen und für dich

Der zweite Grund erklärt, warum du das Problem bei dir suchst. Wer in manchen Bereichen herausragend ist, wird an diesen Bereichen gemessen. Aus „Du hast das Kundenproblem in zehn Minuten gelöst“ wird die Erwartung, dass alles andere ebenso mühelos laufen müsste. Wenn dann die Statusberichte liegen bleiben, erklären es die anderen mit mangelndem Willen: Du kannst es doch, wenn du willst.

Die Psychologie kennt diesen Mechanismus seit über hundert Jahren als Halo-Effekt. Edward Thorndike (1874–1949), US-amerikanischer Psychologe an der Columbia University, bemerkte 1920 bei der Auswertung von Beurteilungen, die Offiziere über ihre Untergebenen geschrieben hatten, dass ein starker Eindruck in einem Merkmal die Bewertung aller anderen Merkmale färbt. Beim zerklüfteten Profil wirkt dieser Effekt in eine heikle Richtung: Der Glanz der Gipfel bringt andere dazu, die Täler als Unwillen zu deuten, weil jemand, der so viel kann, das bisschen Organisation doch auch können müsste.

Diese Deutung übernimmst du irgendwann selbst. Du kennst deine Gipfel, also misst du dich an ihnen. Und jedes Tal erscheint dir als Charakterfehler: zu chaotisch, zu wenig belastbar, zu undiszipliniert. Wenn sich die Umgebung nie ändert, bleibt als einzige Erklärung die Person übrig. Daraus entsteht ein Kreislauf, den viele aus ihrer eigenen Berufsbiografie kennen:

  1. Ein neuer Job beginnt mit Begeisterung, weil die Gipfel gefragt sind.
  2. Mit der Zeit verschiebt sich der Alltag in die Täler.
  3. Die Kraft schwindet, die Leistung in den Tälern sinkt, Kritik nimmt zu.
  4. Du strengst dich mehr an und brennst rascher aus.
  5. Irgendwann kommt die Kündigung, die eigene oder die des Arbeitgebers.
  6. Du deutest das als Beweis, dass mit dir etwas nicht stimmt, und suchst eine ähnliche Stelle.

Der Satz aus dem Jahresgespräch, „Inhaltlich bist du top, aber an der Organisation musst du arbeiten“, beschreibt dein Profil eigentlich sehr genau. Er zieht nur den falschen Schluss daraus.

Grundlagen: Was die Forschung über Passung, Burnout und Neurodivergenz im Job weiß

Die Frage, welcher Mensch zu welcher Arbeit passt, ist älter als die Psychologie der Arbeit. Ihre Geschichte führt von einem Sozialreformer in Boston über einen Berliner Psychologen im amerikanischen Exil und einen Berufsforscher in Baltimore zur Burnout-Forschung in New York und Berkeley und schließlich zu einer britischen Arbeitspsychologin, die das zerklüftete Profil in die Fachdiskussion gebracht hat.

Frank Parsons: der erste Berufsberater

Frank Parsons (1854–1908), US-amerikanischer Ingenieur, Jurist und Sozialreformer, eröffnete 1908 in Boston ein Vocation Bureau, eine Beratungsstelle für junge Menschen, die in den Fabriken und Büros der wachsenden Städte ihren Platz suchten. Untergebracht war es in einem Nachbarschaftshaus, einem Treffpunkt für Arbeiter- und Einwandererfamilien, in dem Parsons erlebte, wie Jugendliche in Stellen landeten, die gerade zufällig frei waren. Parsons starb noch im selben Jahr. 1909 erschien posthum sein Buch „Choosing a Vocation“, das als Gründungsdokument der Berufsberatung gilt.

Parsons beschrieb darin drei Schritte zu einer guten Berufswahl:

  1. ein klares Verständnis der eigenen Fähigkeiten, Interessen, Grenzen und Ressourcen,
  2. Wissen über die Anforderungen, Bedingungen und Aussichten verschiedener Berufe,
  3. gründliches Nachdenken über das Verhältnis zwischen beiden.

Damit war der Gedanke der Passung in der Welt. Für dein Muster ist vor allem der erste Schritt aufschlussreich. Parsons ging davon aus, dass ein Mensch seine Fähigkeiten kennt. Wer sein zerklüftetes Profil nie verstanden hat, wählt Stellen nach seinen Gipfeln aus, ohne die Täler mitzudenken, die zur Stelle gehören.

Kurt Lewin: Verhalten als Funktion von Person und Umwelt

Kurt Lewin (1890–1947), deutsch-amerikanischer Psychologe und einer der Begründer der Sozialpsychologie, lehrte in Berlin, bis er 1933 vor den Nationalsozialisten in die USA emigrierte, wo er in Iowa und am Massachusetts Institute of Technology forschte. Er gilt als Begründer der Aktionsforschung, und von ihm stammt der oft zitierte Satz, nichts sei so praktisch wie eine gute Theorie. 1936 formulierte er in „Principles of Topological Psychology“ eine schlichte Formel: Verhalten ist eine Funktion von Person und Umwelt.

Die Formel hat weitreichende Folgen. Sie besagt, dass sich kein Verhalten allein aus der Person erklären lässt und keines allein aus der Situation. Was ein Mensch tut und wie es ihm dabei geht, entsteht immer aus dem Zusammenspiel beider. Wenn deine Statusberichte liegen bleiben, sagt das etwas über dich und etwas über eine Stelle, die dich dauerhaft an deinen schwächsten Punkten arbeiten lässt. Wer nur die Person betrachtet, hat die Hälfte der Gleichung gestrichen.

In der Szene vom Anfang ist die Person dieselbe geblieben, die im Bewerbungsgespräch in zehn Minuten das Kundenproblem durchschaut hat. Verändert hat sich die Umwelt: Aus einer Stelle, die im Gespräch nach Problemlösen klang, wurde im Alltag eine Stelle aus Koordination und Unterbrechung. Nach Lewin verändern sich damit auch das Verhalten und das Befinden, ohne dass sich an der Person etwas verschlechtert hätte.

John Holland: Persönlichkeiten und Arbeitsumwelten

Ein halbes Jahrhundert nach Parsons machte ein US-amerikanischer Psychologe aus der Passung ein Forschungsprogramm. John L. Holland (1919–2008), der lange an der Johns Hopkins University in Baltimore lehrte, veröffentlichte 1959 eine Theorie der Berufswahl und 1973 das Buch „Making Vocational Choices“. Er beschrieb sechs Typen von Persönlichkeiten und ebenso viele Typen von Arbeitsumwelten: praktisch-technisch, forschend, künstlerisch, sozial, unternehmerisch und ordnend-verwaltend. Je besser Person und Umwelt zueinander passen, desto zufriedener und beständiger, so Holland, ist ein Mensch in seiner Arbeit.

Bekannt sind die sechs Typen heute unter der Abkürzung RIASEC, nach den Anfangsbuchstaben ihrer englischen Bezeichnungen. Hollands Modell wird bis heute in Berufsberatungen weltweit verwendet. Es fragt allerdings vor allem nach Interessen. Ob eine Stelle zu den Fähigkeiten eines Menschen passt, zu seiner Reizverarbeitung und seinem Rhythmus, steht in diesem Modell im Hintergrund. Genau dort liegen bei neurodivergenten Menschen die größten Unterschiede.

Passung und Stress: Anforderungen und Angebote

Diese Lücke füllte in den 1970er Jahren eine Forschungsgruppe am Institute for Social Research der University of Michigan, die 1982 ihre Ergebnisse in „The Mechanisms of Job Stress and Strain“ zusammenfasste. Sie unterschied zwei Arten von Passung:

  • Anforderungen und Fähigkeiten: Kann ein Mensch, was die Stelle von ihm verlangt?
  • Bedürfnisse und Angebote: Bietet die Stelle, was ein Mensch braucht, um gut zu arbeiten?

Für neurodivergente Menschen ist die zweite Art oft die entscheidende. Ruhe zum Denken, wenige Unterbrechungen, Einfluss auf den eigenen Rhythmus, Aufgaben mit Sinn: Das sind für viele Arbeitsbedingungen. Die Agentur aus der Szene verlangt Koordination, die in deinen Tälern liegt, und sie bietet ein lautes Großraumbüro, in dem dein Nervensystem keine Pause findet. Beide Arten von Passung sind verletzt.

Ein US-amerikanischer Arbeitswissenschaftler ergänzte 1979 einen weiteren Baustein. Er zeigte, dass hohe Anforderungen vor allem dann krank machen, wenn Beschäftigte wenig Einfluss darauf haben, wie und wann sie ihre Arbeit erledigen. Hohe Anforderungen mit großem Spielraum erleben viele Menschen als anregend, hohe Anforderungen ohne Spielraum als zermürbend. Acht Meetings am Tag, die andere ansetzen, und Fragen im Fünfminutentakt bedeuten genau diese zweite Lage: Die Arbeit ist dicht, und über den eigenen Tag entscheidet man kaum.

Herbert Freudenberger und Christina Maslach: Burnout

Was geschieht, wenn eine solche Fehlpassung über Jahre anhält, hat die Burnout-Forschung beschrieben. Herbert Freudenberger (1926–1999), deutsch-amerikanischer Psychologe, der als Kind vor den Nationalsozialisten aus Frankfurt geflohen war, arbeitete in den frühen 1970er Jahren ehrenamtlich in einer kostenlosen Klinik in New York. Er beobachtete, wie engagierte Helferinnen und Helfer nach einiger Zeit erschöpft, gereizt und gleichgültig wurden, und erlebte es an sich selbst. 1974 beschrieb er das Phänomen im Journal of Social Issues unter dem Titel „Staff Burn-Out“. Bemerkenswert ist, wen Freudenberger beobachtete: die Engagiertesten. Ausbrennen setzt voraus, dass vorher etwas gebrannt hat. Die Projektleiterin aus der Szene, die im Bewerbungsgespräch begeistert war und abends als Letzte geht, passt genau in dieses Bild.

Die empirische Forschung dazu begründete Christina Maslach, geboren 1946, US-amerikanische Sozialpsychologin an der University of California in Berkeley. 1981 veröffentlichte sie mit einer Kollegin einen Fragebogen, der Burnout an drei Merkmalen festmacht: emotionale Erschöpfung, eine wachsende innere Distanz zu den Menschen, mit und für die man arbeitet, und das Gefühl, nichts mehr zu bewirken. 1997 beschrieb sie mit einem kanadischen Kollegen in „The Truth About Burnout“ sechs Bereiche, in denen Mensch und Arbeitsplatz auseinanderliegen können: Arbeitsmenge, Kontrolle, Anerkennung, Gemeinschaft, Fairness und Werte. Burnout entsteht in diesem Verständnis aus einem anhaltenden Missverhältnis in einem oder mehreren dieser Bereiche. Legt man die sechs Bereiche über die Szene vom Anfang, zeigen sich gleich mehrere Risse: Die Arbeitsmenge ist hoch, die Kontrolle über den eigenen Tag gering, und die Anerkennung gilt den seltenen Momenten auf den Gipfeln, während der Alltag in den Tälern als Pflicht gilt, die man eben erfüllt. Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Sicht 2019 übernommen und Burnout in ihre Klassifikation als Phänomen im Zusammenhang mit der Arbeit aufgenommen, das aus chronischem, nicht bewältigtem Stress am Arbeitsplatz entsteht.

Das zerklüftete Profil am Arbeitsplatz

Den Bogen zur Neurodivergenz schlug eine britische Arbeitspsychologin. Sie gründete das Sozialunternehmen Genius Within, das neurodivergente Beschäftigte und ihre Arbeitgeber berät, und forscht zu Neurodiversität am Arbeitsplatz. 2020 veröffentlichte sie im British Medical Bulletin eine vielzitierte Übersichtsarbeit mit dem Titel „Neurodiversity at Work“.

Sie beschreibt dort ein biopsychosoziales Modell. Den Begriff hatte 1977 der US-amerikanische Psychiater und Internist George Engel (1913–1999) in der Zeitschrift Science geprägt, als Gegenentwurf zu einer Medizin, die Krankheit allein im Körper sucht. Für die Arbeitswelt heißt das: Ob ein neurodivergenter Mensch im Beruf behindert wird, hängt vom Zusammenspiel seiner Neurologie, seiner psychischen Verfassung und seiner Umgebung ab. Ein zentrales Merkmal ist das zerklüftete Profil, der große Abstand zwischen den stärksten und den schwächsten Fähigkeiten eines Menschen, der in Leistungstests sichtbar wird. Gerade dieser Abstand führt im Arbeitsleben leicht zu Missverständnissen: Wer an einer Stelle brillant ist, dem traut man an keiner anderen Stelle eine echte Schwierigkeit zu. Hier trifft dieses Modell auf den zweiten Grund aus diesem Artikel. Für die Projektleiterin heißt das: Ihr Auftritt im Bewerbungsgespräch und ihre liegen gebliebenen Statusberichte sind zwei Messpunkte desselben Profils.

Wo sich die Forschung widerspricht

Bei aller Übereinstimmung bleiben vier Streitpunkte, und jeder betrifft die Frage, wo der Fehler liegt.

  1. Liegt Burnout am Arbeitsplatz oder an der Person? Maslach und die Weltgesundheitsorganisation verorten Burnout in der Beziehung zur Arbeit. Eine Übersichtsarbeit von 2015 wies dagegen auf die große Überschneidung zwischen Burnout und Depression hin und fragte, ob Burnout überhaupt ein eigenes Krankheitsbild ist. Für dich heißt das: Eine Erschöpfung, die auch im Urlaub nicht weicht, gehört ärztlich abgeklärt, ganz gleich, wie man sie nennt.
  2. Gemessene oder gefühlte Passung? Eine große Meta-Analyse von 2005 fand, dass die Passung, die Beschäftigte selbst wahrnehmen, eng mit ihrer Zufriedenheit und ihrem Verbleib zusammenhängt. Objektiv gemessene Übereinstimmungen zeigten schwächere Zusammenhänge. Passung ist offenbar auch eine Frage des Erlebens. Für neurodivergente Menschen ist das ein zweischneidiger Befund: Wer jahrelang gelernt hat, die eigene Erschöpfung zu übergehen, bemerkt eine schlechte Passung oft erst spät.
  3. Wie viel erklären Interessen? Meta-Analysen finden zwischen Hollands Passung von Interessen und Arbeitszufriedenheit nur schwache Zusammenhänge. Die Forschung zur Neurodivergenz legt nahe, dass Fähigkeiten, Reizverarbeitung und Arbeitsbedingungen viel von dem erklären, was Hollands Modell offenlässt.
  4. Ist das zerklüftete Profil typisch neurodivergent? Ungleich verteilte Fähigkeiten haben alle Menschen. Die Forschung zum Ausmaß dieser Unterschiede ist noch dünn, und das Konzept stammt zu einem guten Teil aus der diagnostischen Praxis. Unterschiedlich ist vermutlich der Abstand zwischen Gipfel und Tal, und mit ihm die Wahrscheinlichkeit, in einer Stelle zu landen, die überwiegend aus Tälern besteht.

Gemeinsam ist allen Positionen ein Befund, der Lewins Formel bestätigt: Wer die Erschöpfung allein der Person zuschreibt, hat die Hälfte der Ursachen übersehen.

Neurodivergenz im Job: Muster, die sich wiederholen

Berufsbiografien mit zerklüftetem Profil ähneln sich oft. Viele Menschen erzählen von Erfahrungen wie diesen:

  • ein Lebenslauf mit vielen Wechseln, Abbrüchen und Neuanfängen,
  • hohe Leistung in Phasen, die interessieren, und großer Einbruch in Routinephasen,
  • eine Erschöpfung, die vor allem aus der Umgebung kommt, aus Lärm, Licht, Unterbrechungen und Meetings,
  • Rückmeldungen wie „fachlich hervorragend, aber …“,
  • ein Gefühl, ständig unter den eigenen Möglichkeiten zu bleiben.

Für Scanner-Persönlichkeiten, also Menschen, die sich immer wieder neue Wissensgebiete erschließen, kommt hinzu, dass viele Karrierewege eine lebenslange Spezialisierung voraussetzen, die zu ihrer Art zu lernen schlecht passt.

Um dein Profil zu verstehen, reicht ein ehrlicher Blick darauf, wo deine Gipfel liegen und wo deine Täler, mit oder ohne Diagnose. Wenn die Erschöpfung allerdings so weit ist, dass Erholung kaum noch gelingt, gehört das in ärztliche Begleitung.

Weitere Gründe, die mitspielen

Das zerklüftete Profil und die Verwechslung von Tal und Charakter sind zwei Gründe. Im Programm „Du warst nie das Problem“ betrachten wir mit den Teilnehmenden auch die anderen: welche Rolle Masking im Berufsalltag spielt, warum Sinn für viele neurodivergente Menschen eine Arbeitsbedingung ist und warum hochbegabte Menschen in Hierarchien so oft mit Autoritäten aneinandergeraten.

Job passt nicht zu mir: was sich gestalten lässt

Der Job, der dich auffrisst, ist ein Hinweis auf eine Beziehung, die nicht stimmt. Diese Beziehung hat zwei Seiten, und an beiden lässt sich etwas verändern. Manchmal ist die Rolle falsch. Manchmal sind es die Bedingungen, unter denen du sie ausfüllst. Oft weiß man das erst, wenn man das eigene Profil wirklich kennt.

Und dann gibt es dasselbe Jahresgespräch noch einmal, mit einem anderen Verlauf. Dein Vorgesetzter sagt wieder: „Inhaltlich bist du top, aber an der Organisation musst du arbeiten.“ Diesmal hörst du darin eine ziemlich genaue Beschreibung deines Profils. Du weißt, welche Teile dieser Stelle in deinen Tälern liegen und welche auf deinen Gipfeln, und du kannst darüber sprechen, ohne dich zu entschuldigen. Am Abend gehst du nach Hause und denkst über die Stelle nach, während das Urteil über dich ausbleibt.

Auf dunklem Grund formen zwei Hände einen Klumpen Ton, an den Fingerspitzen leuchtet es gelb.
Gestalten (Teil IV)

Genau darum geht es in der Phase Gestalten des rund zweijährigen Programms „Du warst nie das Problem“: um Arbeitsbedingungen, berufliche Neuorientierung und einen Lebensentwurf, der zu deinem Nervensystem passt. Sie baut auf dem auf, was die Teilnehmenden in den Phasen Aufwachen, Lernen und Annehmen über sich herausgefunden haben. Wer wissen möchte, ob dieser Weg für ihn passt, kann über dwndp.de ein Erstgespräch vereinbaren. Während der Pilotphase gilt ein deutlich reduzierter Preis, bis die Videos des Programms fertig sind.

Du warst in der falschen Rolle, und du hast sie trotzdem jahrelang getragen.

Diese Kraft gehört in eine Rolle, die zu dir passt.


Quellen

  1. Bianchi, Renzo; Schonfeld, Irvin Sam; Laurent, Eric: Burnout–Depression Overlap. A Review. Clinical Psychology Review 36, 2015, S. 28–41.
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  6. Heinze, Holger: Du warst nie das Problem. Manuskript, Kapitel „Berufswahl, Neuorientierung, der passende Job“.
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