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Warum du nach jedem Teamevent einen Tag brauchst, um dich zu erholen

Für Erwachsene, die sich seit einiger Zeit fragen, warum ihnen Dinge so viel Kraft kosten, die für andere ein netter Abend sind, und die anfangen zu vermuten, dass sie anders gestrickt sind als ihre Kolleginnen und Kollegen. Die Szenen spielen rund um Firmenfeiern, Teamtage und Betriebsausflüge, also dort, wo Arbeit und Geselligkeit zusammenkommen. Es geht um soziale Erschöpfung: um das tiefe Leergefühl nach Begegnungen und um die Frage, warum es neurodivergente Menschen, etwa mit ADHS, Autismus oder Hochbegabung, besonders stark trifft. Der Artikel erzählt, was die Psychologie seit Carl Gustav Jung über Introversion, Reizverarbeitung und die Grenzen der Selbstkontrolle herausgefunden hat und wo sie sich selbst korrigieren musste. Wer die Gründe kennt, hört auf, sich für die Ruhe zu schämen, die er danach braucht.
Der Teamtag war gut. Wirklich. Am Vormittag ein Workshop zur Strategie, danach Bogenschießen, am Abend Essen in einem Restaurant mit langen Tischen. Du hast Ideen eingebracht, beim Bogenschießen sogar zweimal getroffen und beim Essen mit der neuen Kollegin aus dem Vertrieb ein richtig gutes Gespräch geführt. Auf dem Heimweg schreibt deine Chefin in die Gruppe: „Danke an alle, war ein toller Tag!“ Du schickst einen Daumen nach oben.
Dann kommt der nächste Morgen. Du bist wach, aber dein Kopf fühlt sich an wie mit Watte gefüllt. Jedes Geräusch ist zu laut. Die Nachricht einer Freundin beantwortest du nicht, weil schon das Formulieren eines Satzes zu viel ist. Du sagst eine Verabredung ab. Du verbringst den Tag auf dem Sofa, unfähig, etwas Sinnvolles zu tun, und gleichzeitig unruhig.
Im Büro erzählen die anderen am Montag, sie seien nach dem Essen noch weitergezogen. Und du fragst dich, warum dich ein einziger Tag mit netten Menschen so umhaut.
Soziale Erschöpfung: der Kater nach Begegnungen
Für dieses Phänomen kursieren viele Namen. Im Internet liest man von „Social Hangover“, dem sozialen Kater. Manche sprechen von einer leeren sozialen Batterie. Gemeint ist immer dasselbe: eine Erschöpfung nach Begegnungen, die in keinem Verhältnis zu dem steht, was von außen passiert ist.
Ein hilfreiches Bild dafür stammt von einer US-amerikanischen Autorin und Bloggerin, die selbst mit der Autoimmunerkrankung Lupus lebt. Sie beschrieb 2003 in einem viel gelesenen Text ihre „Löffeltheorie“: Jeder Mensch startet in den Tag mit einer bestimmten Anzahl Löffel, also Energieeinheiten. Jede Tätigkeit kostet Löffel. Gesunde Menschen bemerken das kaum, weil sie genug davon haben. Wer chronisch krank ist, muss mit jedem Löffel rechnen. Viele neurodivergente Menschen haben dieses Bild für sich übernommen, weil es ihre Erfahrung genau trifft: Ein Teamtag kostet sie ein Vielfaches der Löffel, die er ihre Kollegen kostet.

Die naheliegende Frage lautet: Bin ich einfach introvertiert? Introversion kann ein Teil der Erklärung sein. Sie erklärt aber schlecht, warum manche Menschen Gespräche lieben, Menschen mögen und trotzdem nach jeder Feier einen ganzen Tag brauchen. Und sie erklärt schlecht, warum die Erschöpfung oft mit Reizbarkeit, Geräuschempfindlichkeit und einem Gefühl von innerer Leere kommt. Für neurodivergente Menschen gibt es zusätzliche Gründe, die tiefer reichen.
Warum ein Teamevent dich so viel kostet
An einem solchen Tag läuft eine ganze Rechnung auf. Die beiden größten Posten zahlen fast alle neurodivergenten Menschen, und sie machen einen großen Teil der Summe aus.
Erstens: Dein Gehirn verarbeitet den ganzen Tag ungefiltert
Ein Teamtag besteht aus einer Flut von Reizen, die die meisten Menschen kaum bemerken: ein voller Seminarraum mit Beamer-Lüfter und Neonlicht, Stimmengewirr in der Kaffeepause, ein Restaurant mit Musik, Besteckklappern und zwanzig Gesprächen gleichzeitig, wechselnde Orte, wechselnde Gruppen, kein Rückzugsraum.
Ein neurotypisches Gehirn filtert davon das meiste automatisch weg. Es entscheidet im Hintergrund, welches Gespräch wichtig ist, und dimmt den Rest. Bei vielen neurodivergenten Menschen arbeitet dieser Filter anders. Bei ADHS gelangen viele Reize ins Bewusstsein, weil das Ausblenden schwerer fällt. Bei Autismus fällt es oft schwer, Reize zu gewichten, und Gewöhnung an Hintergrundgeräusche setzt langsamer oder gar nicht ein. Hochsensible Menschen verarbeiten Eindrücke gründlicher und tiefer.
Was das bedeutet, lässt sich am Restauranttisch zeigen. Während deine Kollegin ein Gespräch führt, führst du gleichzeitig ein Gespräch und verarbeitest den Nebentisch, die Musik, das Licht, das Geschirr und die Stimmung am anderen Tischende. Dein Gehirn erledigt den ganzen Abend über Arbeit, die bei ihr gar nicht anfällt. Am Ende ist die Kraft dafür aufgebraucht, und zwar gründlich.
Zweitens: Du führst jedes Gespräch auf zwei Spuren
Der zweite Grund ist unsichtbarer. In Gesellschaft läuft bei vielen neurodivergenten Menschen neben dem eigentlichen Gespräch eine zweite Spur mit: Selbstbeobachtung.
- Habe ich zu lange geredet?
- War das zu direkt?
- Schaue ich genug in die Augen, oder zu viel?
- Lacht sie gerade, weil es lustig war, oder aus Höflichkeit?
- Wann ist der richtige Moment, etwas zu sagen?
Für neurotypische Menschen laufen viele dieser Abläufe automatisch. Blickkontakt, Timing, Tonfall und Gesichtsausdruck regulieren sich wie von selbst, gelernt in Tausenden Begegnungen seit der Kindheit. Bei vielen neurodivergenten Menschen müssen genau diese Dinge bewusst gesteuert werden. Das ähnelt einem Abend, den du in einer Fremdsprache verbringst, die du gut beherrschst: Du verstehst alles, du antwortest flüssig, und trotzdem übersetzt im Hintergrund unablässig ein Teil deines Kopfes. Niemand merkt es. Um Mitternacht bist du leer.
Beide Spuren kosten Konzentration aus demselben Topf. Je voller der Raum, je länger der Abend, je weniger vertraut die Menschen, desto schneller ist dieser Topf leer. Und das Tückische daran: Von außen sieht man einen Menschen, der gut gelaunt mitmacht. Genau deshalb glaubt dir später kaum jemand, wie anstrengend der Tag war, und manchmal glaubst du es dir selbst nicht.

Grundlagen: Was die Psychologie über soziale Erschöpfung weiß
Dass Menschen nach Gesellschaft unterschiedlich erschöpft sind, beschäftigt die Psychologie seit hundert Jahren. Die Antworten haben sich dabei mehrfach verschoben: von der Richtung der seelischen Energie über die Erregung des Gehirns und die Tiefe der Verarbeitung bis zu der Frage, ob Selbstkontrolle eine Batterie ist, die sich leeren kann. Am Ende steht ein Gedanke, der die Last neu verteilt.
Carl Gustav Jung: die Richtung der Energie
Den Begriff Introversion hat Carl Gustav Jung (1875–1961) geprägt, der Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie. Jung hatte eng mit Sigmund Freud zusammengearbeitet und sich 1913 im Streit von ihm getrennt. In den Jahren danach fragte er sich, warum zwei kluge Männer dieselben Patienten so verschieden deuten konnten, und kam zu dem Schluss, dass Menschen grundlegend unterschiedlich auf die Welt ausgerichtet sind. In seinem Buch „Psychologische Typen“ von 1921 beschrieb er extravertierte Menschen, deren seelische Energie nach außen fließt, zu Menschen und Dingen, und introvertierte, deren Energie sich nach innen richtet, auf Gedanken und Empfindungen. Introvertierte laden sich nach Jung im Alleinsein auf.
Jungs Typen waren Beschreibungen aus der Praxis, gemessen hat er sie nie. Trotzdem prägen sie bis heute, wie wir über Erschöpfung nach Geselligkeit sprechen. Wer sagt „Ich bin halt introvertiert“, spricht Jungs Sprache.
Hans Jürgen Eysenck: das Gehirn, das schon wach ist
Eine messbare Erklärung suchte Hans Jürgen Eysenck (1916–1997), ein in Berlin geborener britischer Psychologe, der in den 1930er Jahren vor den Nationalsozialisten nach England ging und am Institute of Psychiatry in London forschte. Eysenck gehörte zu den meistzitierten Psychologen seiner Zeit, und zugleich war er einer der umstrittensten; mehrere seiner Arbeiten zu anderen Themen sind nach seinem Tod wegen schwerer Mängel zurückgezogen worden. Seine Theorie zur Introversion ist davon nicht berührt und bis heute Gegenstand der Forschung.
In „The Biological Basis of Personality“ von 1967 schlug Eysenck vor, dass introvertierte Menschen ein höheres Grundniveau an Erregung im Gehirn haben. Jeder Mensch fühlt sich bei einem mittleren Erregungsniveau am wohlsten. Extravertierte starten niedrig und suchen Reize, um auf dieses Niveau zu kommen. Introvertierte starten höher und erreichen das Zuviel deshalb früher. Bekannt wurde ein einfacher Versuch aus seinem Umfeld: Tropft man Menschen Zitronensaft auf die Zunge, bilden introvertierte im Schnitt mehr Speichel, ihr Körper reagiert also stärker auf denselben Reiz.
Für den ersten Grund in diesem Artikel ist Eysencks Gedanke wichtig. Wenn ein Gehirn Reize schlechter filtert, steigt seine Erregung an einem vollen Tag schneller und höher. Das Zuviel kommt früher, egal wie gern der Mensch mit anderen zusammen ist.
Elaine Aron: die Tiefe der Verarbeitung
Einen Schritt weiter ging Elaine Aron, geboren 1944, US-amerikanische Psychologin und Psychotherapeutin. Aron bemerkte an sich selbst und an Klientinnen eine Empfindlichkeit, die sich mit Introversion nicht deckte. 1997 veröffentlichte sie mit ihrem Mann Arthur Aron eine Studienreihe, in der sie das Merkmal Sensory-Processing Sensitivity nannten, die Empfindlichkeit der sensorischen Verarbeitung. Menschen mit diesem Merkmal nehmen feine Reize wahr, verarbeiten Eindrücke gründlich und werden bei vielen Reizen schneller überwältigt. Aron machte das Merkmal mit dem Buch „The Highly Sensitive Person“ (1996), deutsch „Sind Sie hochsensibel?“, einem großen Publikum bekannt.
Für das Teamevent ist Arons Unterscheidung entscheidend. Nach ihren Angaben ist ein beträchtlicher Teil der hochsensiblen Menschen extravertiert. Sie suchen Gesellschaft, genießen Gespräche und brauchen danach trotzdem lange Ruhe, weil ihr Gehirn jeden Eindruck gründlich verarbeitet hat. Genau dieses Muster beschreibt die Szene vom Anfang: ein schöner Abend, ein gutes Gespräch und ein leerer Tag danach.
Müde werden nach Geselligkeit alle Menschen
Eine Studie aus Finnland zeigte 2017, dass Erschöpfung nach Geselligkeit kein Sondermerkmal einer kleinen Gruppe ist. Zwei Psychologen an der Universität Helsinki ließen Erwachsene über mehrere Tage in kurzen Abständen auf dem Smartphone angeben, wie sie sich gerade verhielten und fühlten. Wer sich gerade gesellig, gesprächig und aktiv verhalten hatte, fühlte sich im Moment besser gelaunt. Etwa drei Stunden später berichteten dieselben Menschen aber von mehr Müdigkeit, und das galt für Extravertierte ebenso wie für Introvertierte.
Dieser Befund verschiebt die Frage. Dass Gesellschaft müde macht, ist normal. Ungewöhnlich ist bei vielen neurodivergenten Menschen das Ausmaß: Die Erholung dauert einen ganzen Tag, und sie kommt mit Reizbarkeit und Wortlosigkeit, wo andere eine angenehme Müdigkeit spüren.
Roy Baumeister: Selbstkontrolle als Batterie
Für den zweiten Grund, die zweite Spur, schien die Psychologie lange eine perfekte Erklärung zu haben. Roy Baumeister, geboren 1953, US-amerikanischer Sozialpsychologe, lange an der Florida State University, veröffentlichte 1998 mit Kollegen einen Versuch, der berühmt wurde. Hungrige Versuchspersonen saßen vor frisch gebackenen Keksen und Schokolade. Ein Teil durfte davon essen, ein anderer Teil bekam nur Radieschen und sollte den Süßigkeiten widerstehen. Danach bekamen alle eine unlösbare Denkaufgabe. Wer zuvor widerstanden hatte, gab deutlich früher auf.
Baumeister nannte das Ego-Depletion, die Erschöpfung des Selbst, und folgerte, dass Selbstkontrolle aus einem begrenzten Vorrat schöpft. Wer ihn für das eine aufbraucht, hat für das nächste weniger übrig. Das Bild passt verblüffend gut zu einem Abend am Restauranttisch, an dem jemand Stunde um Stunde Blick, Tonfall und Redeanteil steuert.
Dann kam die Ernüchterung. 2016 versuchten 23 Labore in mehreren Ländern mit über 2.000 Teilnehmenden, einen Kernbefund der Ego-Depletion nach einem gemeinsamen, vorab festgelegten Plan zu wiederholen. Der Effekt war praktisch null. Seither ist umstritten, ob es diesen Vorrat in der beschriebenen Form gibt. Andere Forschende erklären die Erschöpfung mit Motivation und Aufmerksamkeit: Wer lange etwas tut, das er tun muss, verschiebt seine Aufmerksamkeit zunehmend auf das, was er lieber täte.
Für die zweite Spur bleibt trotzdem etwas Belastbares. Dauerhafte bewusste Steuerung beansprucht das Arbeitsgedächtnis, und dessen Kapazität ist begrenzt. Ob man das eine Batterie nennt oder eine Frage der Aufmerksamkeit, ändert wenig daran, dass der Abend Kraft kostet.
Das doppelte Empathieproblem
Den wichtigsten Perspektivwechsel brachte ein Wissenschaftler, der selbst autistisch ist. Ein britischer Soziologe an der University of Kent beschrieb 2012 das doppelte Empathieproblem. Lange hatte die Forschung angenommen, autistischen Menschen fehle die Fähigkeit, andere zu verstehen. Er hielt dagegen, dass Verständigungsprobleme zwischen zwei Menschen mit unterschiedlicher Art zu denken entstehen und beide Seiten betreffen. Nichtautistische Menschen verstehen autistische ebenso schlecht wie umgekehrt, sie bemerken es nur seltener, weil sie in der Mehrheit sind.
2020 prüfte ein Team der University of Edinburgh diesen Gedanken mit einem Experiment nach dem Prinzip der stillen Post. Eine Geschichte wurde über eine Kette von acht Menschen weitererzählt. In rein autistischen Ketten blieb ebenso viel Information erhalten wie in rein nichtautistischen. In gemischten Ketten ging deutlich mehr verloren, und die Teilnehmenden empfanden dort auch weniger Verbundenheit.
Das erklärt, warum die zweite Spur so viel kostet. Sie ist die ständige Übersetzungsarbeit zwischen zwei Arten, Gespräche zu führen, und am Teamtag leistet sie meistens nur eine Seite. Es erklärt auch, warum manche Gespräche leicht sind: Vielleicht war das gute Gespräch mit der neuen Kollegin aus dem Vertrieb eines, in dem die zweite Spur für ein paar Minuten schweigen durfte.
Wo sich die Forschung widerspricht
So viel Erklärungskraft diese Ansätze haben, an vier Stellen reiben sie sich:
- Introversion oder Reizverarbeitung? Jung und Eysenck verorten die Erschöpfung in einem Persönlichkeitsmerkmal, das sich zwischen den Polen introvertiert und extravertiert bewegt. Aron trennt Empfindlichkeit davon und zeigt, dass auch gesellige Menschen nach vollen Tagen lange Ruhe brauchen.
- Gibt es die leere Batterie? Löffeltheorie, Batteriebild und Baumeisters Ego-Depletion erzählen dieselbe Geschichte von einem Vorrat, der sich leert. Die große Wiederholungsstudie von 2016 hat diese Geschichte für die Selbstkontrolle ins Wanken gebracht. Als Bild für das Erleben bleibt sie für viele Menschen treffend, als Messgröße ist sie umstritten.
- Wer trägt die Last? Die ältere Forschung sah die Ursache sozialer Mühe in einem Mangel der autistischen Person. Das doppelte Empathieproblem und die Versuche aus Edinburgh verorten sie in der Begegnung zweier verschiedener Arten zu kommunizieren.
- Normal oder besonders? Die finnische Studie zeigt, dass Geselligkeit alle Menschen müde macht. Die Erfahrung vieler neurodivergenter Menschen zeigt ein Ausmaß, das sich mit gewöhnlicher Müdigkeit kaum erklären lässt. Systematische Studien, die beides direkt vergleichen, fehlen bisher.
Gemeinsam ist allen Ansätzen die Einsicht, dass die Erschöpfung nach einem Teamtag real ist und Ursachen hat, die mit Charakterschwäche nichts zu tun haben.
Fünf Merkmale sozialer Erschöpfung bei Neurodivergenz
Soziale Erschöpfung ist ein Zustand, den viele Menschen kennen, eine eigene Diagnose gibt es dafür bislang nicht. Bei neurodivergenten Menschen zeigt sie typische Merkmale, die sie vom gewöhnlichen Müdesein nach einem langen Tag unterscheiden:
- Die Erholung dauert unverhältnismäßig lange. Ein Abend kostet einen ganzen Tag, ein Teamwochenende die halbe Woche.
- Die Erschöpfung ist körperlich und geistig zugleich. Denken, Sprechen und Entscheiden fallen schwer, oft fehlen Worte.
- Die Reizschwelle sinkt. Geräusche, Licht und Berührungen, die sonst gehen, werden unerträglich.
- Die Stimmung kippt. Viele werden gereizt, dünnhäutig oder ziehen sich komplett zurück.
- Die Freude war trotzdem echt. Gerade das verwirrt viele: Der Abend war schön, und er hat trotzdem alles gekostet.
Der letzte Punkt verbindet die Forschung mit dem Sofa am Morgen danach. Der Teamtag war ein Tag mit vielen Reizen, die dein Gehirn ungefiltert verarbeitet hat, und mit vielen Gesprächen, die du auf zwei Spuren geführt hast. Beides hat Kraft gekostet, während du dich gleichzeitig gut unterhalten hast. Dass du am nächsten Tag leer bist, ist die Rechnung für diese Arbeit.
Dafür braucht es keine Diagnose. Wer solche Tage regelmäßig erlebt, kennt den Mechanismus aus eigener Erfahrung, ganz gleich, was auf einem Befund stünde. Wenn die Erschöpfung allerdings gar nicht mehr nachlässt und sich wie eine Dauerlähmung anfühlt, gehört das in ärztliche Hände.
Was noch zur Rechnung gehört
Ungefilterte Reize und die zweite Spur sind zwei Posten. Dazu kommen weitere, über die wir im Programm „Du warst nie das Problem“ ausführlich sprechen: die Anspannung, die schon Tage vor dem Termin beginnt, das nächtliche Durchgehen jedes Gesprächs danach und das, was die Forschung Masking nennt, das jahrelang eingeübte Verbergen der eigenen Art, das selbst bei angenehmen Menschen weiterläuft.
Soziale Erschöpfung ohne schlechtes Gewissen
Die Ruhe, die du nach einem Teamevent brauchst, ist die logische Folge einer Leistung, die niemand sieht. Wer das versteht, kann anders mit sich umgehen: ohne schlechtes Gewissen, ohne den Vergleich mit den Kollegen, die noch weitergezogen sind.
Wie sich derselbe Teamtag anders anfühlen kann, lässt sich beschreiben, ohne dass der Tag selbst ein anderer wird. Workshop, Bogenschießen, langer Tisch im Restaurant, alles bleibt gleich. Du gehst aber mit einem anderen Wissen hinein: Du weißt, welche Teile des Tages dich viel kosten und welche dir guttun, und du nimmst das gute Gespräch mit der neuen Kollegin als das, was es ist, ein Moment, in dem es leicht war. Der Morgen danach ist vielleicht trotzdem ruhig. Er fühlt sich aber an wie ein geplanter Erholungstag nach einer guten Anstrengung, ohne den Gedanken, mit dir stimme etwas nicht.
Die eigentlich spannende Frage kommt danach: Was genau kostet dich so viel, und was davon ist veränderbar? Hier liegt ein großer Teil der Arbeit, die erwachsene Neurodivergente im rund zweijährigen Programm „Du warst nie das Problem“ machen. Es führt in vier Phasen vom Aufwachen über das Lernen, in dem sie die eigene Reizverarbeitung verstehen, und das Annehmen bis zum Gestalten, in dem daraus ein Alltag wird, der zu ihnen passt. Wer wissen möchte, ob das Programm für ihn infrage kommt, findet auf dwndp.de die Möglichkeit für ein Erstgespräch. Solange die Kursvideos entstehen, läuft eine Pilotphase mit deutlich reduziertem Preis.
Der Teamtag hat dir gefallen, und er hat dich trotzdem alles gekostet.
Beides ist wahr, und beides hat einen Grund.
Quellen
- Aron, Elaine N.: The Highly Sensitive Person. How to Thrive When the World Overwhelms You. Birch Lane Press, New York 1996. Deutsch: Sind Sie hochsensibel? mvg, München 2005.
- Aron, Elaine N.; Aron, Arthur: Sensory-Processing Sensitivity and Its Relation to Introversion and Emotionality. Journal of Personality and Social Psychology 73 (2), 1997, S. 345–368.
- Baumeister, Roy F.; Bratslavsky, Ellen; Muraven, Mark; Tice, Dianne M.: Ego Depletion. Is the Active Self a Limited Resource? Journal of Personality and Social Psychology 74 (5), 1998, S. 1252–1265.
- Crompton, Catherine J.; Ropar, Danielle; Evans-Williams, Claire V. M.; Flynn, Emma G.; Fletcher-Watson, Sue: Autistic Peer-to-Peer Information Transfer Is Highly Effective. Autism 24 (7), 2020, S. 1704–1712.
- Eysenck, Hans J.: The Biological Basis of Personality. Charles C. Thomas, Springfield (Illinois) 1967.
- Hagger, Martin S.; Chatzisarantis, Nikos L. D. u. a.: A Multilab Preregistered Replication of the Ego-Depletion Effect. Perspectives on Psychological Science 11 (4), 2016, S. 546–573.
- Jung, Carl Gustav: Psychologische Typen. Rascher, Zürich 1921.
- Leikas, Sointu; Ilmarinen, Ville-Juhani: Happy Now, Tired Later? Extraverted and Conscientious Behavior Are Related to Immediate Mood Gains, but to Later Fatigue. Journal of Personality 85, 2017.
- Milton, Damian E. M.: On the Ontological Status of Autism. The „Double Empathy Problem“. Disability & Society 27 (6), 2012, S. 883–887.
- Miserandino, Christine: The Spoon Theory. butyoudontlooksick.com, 2003.
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