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Was die anderen schon immer über dich wussten

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

Das Gefühl, anders zu sein

Geschrieben für Erwachsene, die gerade dabei sind, ihr Leben neu zu sortieren, weil sie zu ahnen beginnen, dass sie schon immer anders waren, und die sich fragen, warum ihnen das niemand früher gesagt hat. Die Szenen stammen aus Zeugnissen, Elterngesprächen, Familienfeiern und Bemerkungen, die über Jahre gefallen sind. Es geht um das, was Fachleute Spätdiagnose nennen: um ADHS oder Autismus, die erst im Erwachsenenalter erkannt werden, und um Hochbegabung, die erst spät bemerkt wird, obwohl sie selbst keine Diagnose ist. Deshalb meint das Wort hier die späte Erkenntnis, mit oder ohne Befund. Der Artikel erzählt, wie die Sozialpsychologie erklärt, dass aus Beobachtungen Charakterurteile werden, warum das Wissen über dich so lange bei anderen lag und warum die Fachwelt über späte Diagnosen bis heute streitet. Sobald klar ist, wie das zusammenhängt, lassen sich alte Etiketten zurückgeben.

Es beginnt manchmal mit einem Karton auf dem Dachboden der Eltern. Darin: alte Zeugnisse. Du blätterst sie durch, eher aus Neugier, und dann bleibst du an den Bemerkungen hängen.

Erste Klasse: „Sie ist ein aufgewecktes Kind, muss aber lernen, andere auch zu Wort kommen zu lassen.“ Dritte Klasse: „Wirkt im Unterricht häufig abwesend und verträumt.“ Fünfte Klasse: „Könnte deutlich mehr leisten, wenn sie sich nur anstrengen würde.“ Siebte Klasse: „Hat Schwierigkeiten, sich in die Klassengemeinschaft einzufügen.“

Plötzlich fallen dir andere Sätze ein, die über die Jahre gefallen sind. Die Tante, die bei jedem Familienfest sagte: „Du warst schon immer ein besonderes Kind.“ Die Mutter, die einer Freundin am Telefon erzählte, du seist „anstrengend, aber klug“. Der Vater, der seufzte: „Musst du immer alles so genau nehmen?“ Der Kollege, der dich nach drei Wochen fragte: „Bist du eigentlich immer so direkt?“

Und dann setzt ein merkwürdiges Gefühl ein. Als hätten alle um dich herum etwas gewusst, das du selbst nie gewusst hast. Als hätten sie dich jahrzehntelang beobachtet und ihre Schlüsse gezogen, während du dachtest, du wärst einfach nur du.

Warum es so oft zu einer Spätdiagnose kommt

Viele Erwachsene erfahren erst mit dreißig, vierzig oder fünfzig, dass sie autistisch sind oder ADHS haben, oder sie begreifen erst dann, dass ihre Art zu denken mit Hochbegabung zu tun hat. Oft geschieht das, weil das eigene Kind abgeklärt wird und einem beim Lesen des Befunds die eigene Kindheit entgegenkommt. Oder weil ein Artikel, ein Video, eine Bemerkung plötzlich ein Licht anknipst.

Im Rückblick zeigt sich dann meist: Die Hinweise waren da. Sie standen in Zeugnissen, sie fielen in Gesprächen, sie fielen Lehrerinnen, Eltern und Freunden auf. Dass sie trotzdem nie zu einer Erklärung führten, hat zwei Gründe, die eng zusammenhängen.

Erstens: Aus Beobachtungen wurden Charakterurteile

Die Menschen um dich herum haben sehr genau beobachtet:

  • dass du viel und schnell redest,
  • dass du im Unterricht abwesend wirkst,
  • dass du bei Lärm unruhig wirst,
  • dass du Regeln hinterfragst und Ungerechtigkeit nicht stehen lässt,
  • dass du mit Gleichaltrigen schwer warm wirst.

Die Beobachtungen stimmten. Die Erklärungen, die sie dafür fanden, waren Charaktereigenschaften: vorlaut, faul, empfindlich, schwierig, eigenbrötlerisch, zu viel. Das ist eine sehr menschliche Neigung, und die Sozialpsychologie hat sie gründlich untersucht: Wir erklären das Verhalten anderer bevorzugt mit ihrem Wesen und übersehen die Umstände, unter denen es entsteht. Ein Kind, das im Unterricht aus dem Fenster schaut, gilt dann als verträumt. Die Frage, ob der Unterricht für dieses Kind zu langsam, zu laut oder zu kleinteilig war, stellt kaum jemand. Die Zeugnisse im Karton sind voll von solchen Zuschreibungen.

Zweitens: Das Wissen über dich kam nie bei dir an

Der zweite Grund erklärt das seltsame Gefühl, dass alle etwas wussten außer dir. Dein Anderssein lag jahrzehntelang in einem blinden Fleck. Die anderen sahen es. Sie sprachen darüber, mit dem Partner, mit der Lehrerin, am Telefon mit der Freundin. Mit dir sprachen sie selten darüber, und wenn, dann in Form eines Urteils: Stell dich nicht so an. Sei nicht so empfindlich. Du bist echt anstrengend.

Ein Urteil ist eine sehr schlechte Form, Wissen weiterzugeben. Es sagt dir, dass mit dir etwas ist, und verschweigt, was. Bei dir kam deshalb das Gefühl an, falsch zu sein, ohne jede Erklärung. Und je älter du wurdest, desto mehr hast du dieses Urteil in dich aufgenommen, bis es klang wie deine eigene Stimme.

Grundlagen: Wie aus Beobachtungen Urteile werden und warum die Spätdiagnose so häufig ist

Beide Gründe haben eine lange Forschungsgeschichte. Die erste Linie führt von einem österreichischen Psychologen, der Menschen beim Deuten bewegter Dreiecke zusah, zu einem Stanforder Sozialpsychologen, der dem Phänomen seinen Namen gab. Die zweite führt von einem Soziologen in Michigan zu zwei Trainern in Los Angeles. Dazu kommt die Geschichte der Diagnostik selbst, die erklärt, warum für viele heutige Erwachsene als Kind schlicht keine passende Erklärung bereitlag.

Fritz Heider: der Mensch als Alltagspsychologe

Fritz Heider (1896–1988), österreichisch-amerikanischer Psychologe, emigrierte 1930 in die USA und lehrte später an der University of Kansas. 1944 zeigte er mit einer Kollegin Versuchspersonen einen kurzen Trickfilm, in dem sich zwei Dreiecke und ein Kreis um ein Rechteck bewegen. Fast alle beschrieben das Gesehene als Geschichte: Das große Dreieck sei ein Rüpel, der kleine Kreis habe Angst. Menschen können offenbar gar nicht anders, als hinter Bewegungen Absichten und Eigenschaften zu vermuten.

1958 fasste Heider seine Überlegungen in „The Psychology of Interpersonal Relations“ zusammen. Jeder Mensch, so Heider, ist ein Alltagspsychologe, der ständig erklärt, warum andere tun, was sie tun. Dabei unterschied er zwei Arten von Erklärungen: Ursachen in der Person, etwa ihre Fähigkeiten oder ihr Charakter, und Ursachen in der Situation, etwa die Schwierigkeit einer Aufgabe oder der Druck der Umstände. Und er bemerkte, dass Beobachter dazu neigen, das Verhalten einer Person zuzuschreiben, weil die Person im Vordergrund steht und die Situation im Hintergrund verschwimmt. Heider gilt deshalb als Begründer der Attributionstheorie, auf der fast alle späteren Arbeiten zu diesem Thema aufbauen.

Edward Jones und das Kuba-Experiment

Wie stark diese Neigung ist, zeigte neun Jahre später ein Experiment, das heute in jedem Lehrbuch steht. Edward E. Jones (1926–1993), US-amerikanischer Sozialpsychologe an der Duke University und später in Princeton, ließ 1967 mit einem Kollegen Studierende Aufsätze lesen, die die kubanische Revolutionsregierung verteidigten oder angriffen. Einem Teil der Leser wurde gesagt, die Verfasser hätten ihre Position frei gewählt, dem anderen, sie sei ihnen zugelost worden.

Wer wusste, dass die Position frei gewählt war, schloss erwartungsgemäß von der Meinung im Aufsatz auf die Meinung des Verfassers. Erstaunlich war die zweite Gruppe: Auch wer wusste, dass der Verfasser keine Wahl gehabt hatte, hielt ihn je nach Inhalt des Aufsatzes für einen Anhänger oder einen Gegner dieser Regierung. Die Leser kannten die Umstände und schrieben das Verhalten trotzdem der Person zu. Die beiden Forscher selbst hatten erwartet, dass dieser Effekt verschwindet, sobald die Leser von der fehlenden Wahl wissen. Dass er blieb, machte das Experiment berühmt und regte eine ganze Forschungsrichtung an.

Lee Ross: der fundamentale Attributionsfehler

Seinen bis heute gebräuchlichen Namen bekam das Phänomen 1977. Lee Ross (1942–2021), kanadisch-amerikanischer Sozialpsychologe, der über vier Jahrzehnte an der Stanford University forschte, schrieb in seinem Aufsatz „The Intuitive Psychologist and His Shortcomings“ vom fundamentalen Attributionsfehler: der Neigung, das Verhalten anderer vorschnell mit deren Charakter zu erklären und die Macht der Umstände zu unterschätzen.

Übertragen auf die Zeugnisse aus dem Karton heißt das: „Wirkt abwesend und verträumt“ beschreibt ein Verhalten. Die Lehrerin, die es notierte, sah ein Kind, das nicht bei der Sache war, und erklärte es mit einer Eigenschaft. Die Situation, ein Unterricht im Tempo des Durchschnitts, ein Klassenzimmer voller Geräusche, ein Gehirn, das schon drei Schritte weiter war oder an einem ganz anderen Ort, blieb unsichtbar. Ross untersuchte mit Kollegen außerdem, wie zäh Menschen an einem Urteil festhalten, selbst wenn dessen Grundlage nachweislich entfällt. Für Zeugnisbemerkungen ist das bedeutsam: Ein einmal gefasstes Urteil über ein Kind überdauert oft die Umstände, die es hervorgebracht haben. „Könnte mehr leisten, wenn sie sich nur anstrengen würde“ ist der fundamentale Attributionsfehler in Reinform: Das Ergebnis wird dem Willen zugeschrieben, die Bedingungen fehlen. Dazu kam ein schlichter Mangel an Alternativen. Wissen über Neurodivergenz war in vielen Familien und Schulen der 1970er bis 2000er Jahre spärlich, und Hochbegabung galt meist nur dann als solche, wenn sie sich in Einserzeugnissen zeigte. Ein kluges Kind, das stört oder träumt, passte in kein Raster.

Charles Horton Cooley: das Spiegelselbst

Wie aus dem Urteil der anderen die eigene Stimme wird, hatte ein amerikanischer Soziologe schon ein halbes Jahrhundert vor Heider beschrieben. Charles Horton Cooley (1864–1929), Soziologe an der University of Michigan, prägte 1902 in „Human Nature and the Social Order“ den Begriff des looking-glass self, auf Deutsch meist Spiegelselbst. Cooley beschrieb drei Schritte, in denen ein Mensch ein Bild von sich gewinnt:

  1. Wir stellen uns vor, wie wir auf andere wirken.
  2. Wir stellen uns vor, wie die anderen diesen Eindruck bewerten.
  3. Daraus entsteht ein Gefühl über uns selbst, etwa Stolz oder Scham.

Für Cooley entsteht das Selbst also im Austausch mit anderen. Ein Mensch, der nie gespiegelt würde, hätte kaum ein Bild von sich, und einer, der verzerrt gespiegelt wird, bekommt ein verzerrtes. Für ein Kind sind die Erwachsenen der wichtigste Spiegel. Wenn dieser Spiegel immer wieder „zu viel“, „schwierig“ und „stell dich nicht so an“ zurückwirft, entsteht genau das Selbstbild, das viele Spätentdeckte mit sich tragen. Die Charakterurteile aus dem ersten Grund werden über Cooleys Spiegel zum Teil der eigenen Identität. Selbst ein freundlich gemeinter Satz wie der der Tante, du seist schon immer ein besonderes Kind gewesen, wirkt in diesem Spiegel zweischneidig: Er bestätigt das Anderssein und lässt offen, ob es etwas Gutes ist.

Joseph Luft und Harrington Ingham: das Johari-Fenster

Warum dabei das eigentliche Wissen auf der Strecke blieb, zeigt ein Modell aus der Gruppendynamik. Joseph Luft (1916–2014) und Harrington Ingham (1916–1995), zwei US-amerikanische Psychologen, entwickelten es 1955 für ein Trainingsprogramm in Gruppendynamik an der University of California in Los Angeles und benannten es nach ihren Vornamen: das Johari-Fenster. Luft baute es 1969 in seinem Buch „Of Human Interaction“ weiter aus. Es teilt das Wissen über einen Menschen in vier Felder:

  1. Öffentlich: Was ich über mich weiß und andere auch.
  2. Verborgen: Was ich über mich weiß, andere aber nicht.
  3. Blinder Fleck: Was andere über mich wissen, ich selbst aber nicht.
  4. Unbekannt: Was weder ich noch andere wissen.

Dein Anderssein lag im blinden Fleck. Luft und Ingham gingen davon aus, dass dieser Fleck kleiner wird, wenn andere einem Menschen Rückmeldung geben. Entscheidend ist dabei die Form. Eine Beschreibung wie „Du redest in Gruppen viel und schnell, wenn dich ein Thema packt“ macht etwas sichtbar. Ein Urteil wie „Du bist anstrengend“ verschiebt nur Scham über den Fleck. Und manches lag zusätzlich im vierten Feld, dem unbekannten: Die Erklärung für dein Verhalten kannte damals niemand, auch die Urteilenden nicht.

Warum die Erklärung so lange fehlte

Dass dieses vierte Feld so groß war, hat mit der Geschichte der Diagnostik zu tun. Die ersten Beschreibungen autistischer Kinder stammen aus den Jahren 1943 und 1944. Bekannt wurde das Bild eines Autismus ohne Sprachentwicklungsverzögerung aber erst, als die britische Psychiaterin Lorna Wing (1928–2014), selbst Mutter einer autistischen Tochter, 1981 einen viel beachteten Aufsatz darüber veröffentlichte. Als Asperger-Syndrom gelangte dieses Bild Anfang der 1990er Jahre in die großen Diagnosehandbücher. Wing beschrieb Autismus außerdem als Spektrum mit fließenden Übergängen, ein Gedanke, der heute dort fest verankert ist. Angepasste Schwellenwerte für die Diagnose von ADHS bei Erwachsenen und die Möglichkeit, Autismus und ADHS gemeinsam zu diagnostizieren, brachte das amerikanische Handbuch DSM erst 2013.

Ein Forschungsteam der University of Cambridge sprach 2015 deshalb von einer verlorenen Generation: Erwachsene, die als Kinder durch alle Raster fielen, weil die Raster für sie noch nicht existierten. Besonders oft betraf das Mädchen und Frauen. Eine Londoner Meta-Analyse kam 2017 zu dem Schluss, dass das Verhältnis von Jungen zu Mädchen beim Autismus bei etwa drei zu eins liegt, während man lange von vier zu eins ausgegangen war, und dass Mädchen, die die Kriterien erfüllen, häufig übersehen werden.

Bei Hochbegabung liegt der Fall noch einmal anders, denn eine medizinische Diagnose gibt es für sie gar nicht. Festgestellt wird sie über Intelligenztests, und die wurden an vielen Schulen nur veranlasst, wenn Leistungen glänzten oder Verhalten störte. Kinder, die still unterfordert waren oder deren Begabung von ADHS oder Autismus überdeckt wurde, fielen durch beide Raster. Fachleute sprechen bei dieser Kombination von doppelt außergewöhnlichen Kindern, im Englischen twice exceptional. Die Begabung gleicht die Schwierigkeiten so weit aus, dass sie unauffällig bleiben, und die Schwierigkeiten drücken die Leistung so weit, dass auch die Begabung niemandem auffällt. Im Zeugnis steht dann „könnte mehr leisten“.

Wo sich die Forschung widerspricht

So überzeugend diese Linien zusammenlaufen, an drei Stellen ist sich die Fachwelt uneinig, und alle drei betreffen die Frage, wie du deine eigene Geschichte lesen kannst.

  1. Wie fundamental ist der Attributionsfehler? Kulturvergleichende Studien zeigen, dass Menschen in ostasiatischen Kulturen Verhalten stärker mit der Situation erklären als Menschen in Nordamerika. Eine große Meta-Analyse von 2006 fand außerdem, dass die verwandte Annahme, Menschen erklärten das eigene Verhalten grundsätzlich anders als das Verhalten anderer, kaum Bestand hat. Der Fehler ist also eine Neigung, die von Kultur und Lage abhängt. Für deine Geschichte zählt, dass er in deutschen Klassenzimmern und Familien der vergangenen Jahrzehnte offenbar kräftig gewirkt hat.
  2. Spätdiagnose oder Überdiagnose? Der US-amerikanische Psychiater Allen Frances, geboren 1942, der die Arbeitsgruppe für die vierte Auflage des DSM leitete, warnte 2013 in „Saving Normal“ vor einer Inflation der Diagnosen, ausdrücklich auch bei ADHS und Autismus. Die Forschung zur verlorenen Generation hält dagegen, dass viele Erwachsene jahrzehntelang ohne Erklärung gelitten haben. Beide Seiten haben Belege. Für dich folgt daraus: Eine fachkundige Diagnostik im Erwachsenenalter kann viel Klarheit bringen, und ein Etikett aus dem Internet ersetzt sie nicht.
  3. Was taugt das Johari-Fenster? Es ist ein Modell für Trainings und Selbstreflexion, empirisch geprüft wurde es kaum. Als Beschreibung des Gefühls, dass andere etwas über dich wussten, ist es treffend, als Beleg für dieses Wissen ungeeignet. Meist wussten die anderen vor allem, dass du anders warst, und deuteten es falsch.

Gerade dieser letzte Punkt entlastet. Was die anderen schon immer über dich wussten, war meist eine Beobachtung ohne Erklärung. Die Erklärung kannten sie so wenig wie du.

Was eine Spätdiagnose auslöst

Wenn das Puzzle sich im Erwachsenenalter zusammensetzt, mit oder ohne Befund, erleben viele Menschen eine Mischung aus Gefühlen, die gleichzeitig auftreten können:

  • Erleichterung, weil endlich etwas Sinn ergibt, das jahrzehntelang keinen Sinn ergab.
  • Trauer um die Jahre, in denen du dich für faul, kaputt oder schwierig gehalten hast.
  • Wut auf Schule, Eltern und Fachleute, die die Zeichen gesehen und falsch gedeutet haben.
  • Verwirrung darüber, wer du eigentlich bist, wenn so vieles, was du über dich dachtest, auf einem Missverständnis beruhte.
Eine Person steht auf aufbrechenden Bodenplatten, auf denen Worte wie faul, zu empfindlich und stell dich nicht so an stehen. Durch die Risse dringt gelbes Licht, rechts verlaufen Wellen mit den Worten Trauer, Wut und Erleichterung.
Der Schock: Trauer, Wut und Erkenntnis

Diese Mischung ist normal, und sie hat ihre Zeit. Manche Menschen erleben nach der Erkenntnis außerdem eine Phase, in der ihre Schwierigkeiten deutlicher hervortreten als vorher. Oft liegt das daran, dass die Kraft für das Verbergen nachlässt, sobald es eine Erklärung gibt. Auch das gehört zu dieser Zeit und geht meist in eine ruhigere Phase über. Besonders verwirrend ist oft die Frage nach der Schuld. Die meisten Menschen in deinem Umfeld haben nach bestem Wissen gehandelt. Sie haben gesehen, was sie sehen konnten, und es mit dem Wissen erklärt, das sie hatten, ganz so, wie Heider und Ross es beschreiben. Gleichzeitig trägst du die Folgen. Beides darf nebeneinanderstehen.

Wichtig ist auch: Ein Zeugnis mit der Bemerkung „verträumt“ ist noch lange keine Diagnose. Viele Kinder sind verträumt. Wenn sich die Etiketten in deiner Geschichte aber häufen und du das Gefühl kennst, nie ganz dazuzugehören, lohnt es sich, die eigene Geschichte mit diesem Wissen neu zu lesen, und für manche ist dann eine fachkundige Abklärung der nächste sinnvolle Schritt.

Was dahinter noch liegt

Charakterurteile und der blinde Fleck erklären, warum das Wissen über dich so lange bei dir fehlte. Im Programm „Du warst nie das Problem“ gehen wir mit den Teilnehmenden einen Schritt weiter: Wir lesen die eigene Biografie mit dem Wissen von heute neu, sortieren, welche alten Etiketten bis heute als Glaubenssätze weiterwirken, und schauen, was das für den Umgang mit den Menschen bedeutet, die damals geurteilt haben.

Was möglich ist

Die anderen haben etwas gesehen, das stimmte, und es falsch benannt. Das kannst du heute ändern. Du kannst die Beobachtungen behalten und die Urteile zurückgeben. Aus „zu viel“ wird dann eine Beschreibung: intensiver als die meisten. Aus „verträumt“ wird ein Gehirn, das in der Unterforderung woanders hingegangen ist. Aus „schwierig“ wird ein Kind, das in einer Umgebung leben musste, die für es nicht gebaut war.

Ein Mann mit gelbem Rucksack geht einen Weg entlang, an dem Schilder mit zwei Deutungen derselben Lebensstationen stehen. Die alte, verblasste Deutung enthält Sätze wie Ich war zu viel und Ich habe versagt, die neue, gelbe Sätze wie Ich war intensiv in einer Welt, die Intensität bestraft, und Ich habe unter unmöglichen Bedingungen funktioniert.
Biografie-Versöhnung: neue Interpretation

Man kann denselben Karton auf dem Dachboden auch ein zweites Mal öffnen. Du liest wieder „Wirkt im Unterricht häufig abwesend und verträumt“, und der Satz trifft dich diesmal an einer anderen Stelle. Du siehst ein Kind vor dir, das sich gelangweilt hat und das niemand gefragt hat, warum. Beim nächsten Familienfest sagt die Tante wieder: „Du warst schon immer ein besonderes Kind.“ Du hörst darin eine Beobachtung, der damals die Erklärung fehlte, und du musst nichts mehr beweisen.

Dieses Neulesen der eigenen Geschichte steht im rund zweijährigen Programm „Du warst nie das Problem“ ganz am Anfang, in der Phase Aufwachen, und es zieht sich durch das Lernen und Annehmen bis zum Gestalten eines Lebens, das zu dir passt. Wenn du wissen möchtest, ob das Programm dich auf diesem Weg begleiten kann, lass uns in einem Erstgespräch darüber sprechen, das du auf dwndp.de vereinbaren kannst. Solange die Videoaufnahmen noch laufen, gilt in der Pilotphase ein deutlich reduzierter Preis.

Die anderen haben dich früh gesehen und falsch gelesen.

Die richtige Lesart gehört jetzt dir.


Quellen

  1. American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Fifth Edition (DSM-5). American Psychiatric Publishing, Arlington 2013.
  2. Cooley, Charles Horton: Human Nature and the Social Order. Charles Scribner’s Sons, New York 1902.
  3. Frances, Allen: Saving Normal. An Insider’s Revolt Against Out-of-Control Psychiatric Diagnosis, DSM-5, Big Pharma, and the Medicalization of Ordinary Life. William Morrow, New York 2013.
  4. Heider, Fritz: The Psychology of Interpersonal Relations. Wiley, New York 1958.
  5. Heider, Fritz; Simmel, Marianne: An Experimental Study of Apparent Behavior. American Journal of Psychology 57 (2), 1944, S. 243–259.
  6. Heinze, Holger: Du warst nie das Problem. Manuskript, Kapitel „Der Schock“ und „Biografieaufstellung“.
  7. Jones, Edward E.; Harris, Victor A.: The Attribution of Attitudes. Journal of Experimental Social Psychology 3 (1), 1967, S. 1–24.
  8. Lai, Meng-Chuan; Baron-Cohen, Simon: Identifying the Lost Generation of Adults with Autism Spectrum Conditions. The Lancet Psychiatry 2 (11), 2015, S. 1013–1027.
  9. Loomes, Rachel; Hull, Laura; Mandy, William Polmear Locke: What Is the Male-to-Female Ratio in Autism Spectrum Disorder? A Systematic Review and Meta-Analysis. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 56 (6), 2017, S. 466–474.
  10. Luft, Joseph: Of Human Interaction. National Press Books, Palo Alto 1969.
  11. Luft, Joseph; Ingham, Harrington: The Johari Window. A Graphic Model of Interpersonal Awareness. In: Proceedings of the Western Training Laboratory in Group Development. University of California, Los Angeles 1955.
  12. Malle, Bertram F.: The Actor-Observer Asymmetry in Attribution. A (Surprising) Meta-Analysis. Psychological Bulletin 132 (6), 2006, S. 895–919.
  13. Ross, Lee: The Intuitive Psychologist and His Shortcomings. Distortions in the Attribution Process. In: Berkowitz, Leonard (Hrsg.): Advances in Experimental Social Psychology, Band 10. Academic Press, New York 1977, S. 173–220.
  14. Ross, Lee; Lepper, Mark R.; Hubbard, Michael: Perseverance in Self-Perception and Social Perception. Biased Attributional Processes in the Debriefing Paradigm. Journal of Personality and Social Psychology 32 (5), 1975, S. 880–892.
  15. Wing, Lorna: Asperger’s Syndrome. A Clinical Account. Psychological Medicine 11 (1), 1981, S. 115–129.