Blog  ›  DWNDP

15 Minuten Lesezeit

Warum du schon in der Schule das Ziel von Mobbing warst, obwohl du nichts getan hast

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

Allein am Fahrradständer

Ein Text für Erwachsene, die auf ihre Schulzeit zurückblicken und sich bis heute fragen, warum ausgerechnet sie damals ausgegrenzt wurden, und die gerade anfangen zu verstehen, dass sie vielleicht schon immer anders waren als die anderen. Die Beispiele spielen auf dem Schulhof, im Klassenzimmer und auf Klassenfahrten. Es geht um Mobbing in der Schule, um die Frage, warum hochbegabte und neurodivergente Kinder besonders oft betroffen sind, und um die Rolle, die die Gruppe dabei spielt. Neurodivergent meint hier Menschen, deren Gehirn anders arbeitet als der Durchschnitt, etwa bei Hochbegabung, ADHS oder Autismus. Der Artikel erzählt, wie die Mobbingforschung entstanden ist, was sie über Status, Neid und Projektion herausgefunden hat und wo sie sich bis heute uneinig ist. Wer die Mechanik versteht, kann eine Frage loslassen, die oft jahrzehntelang mitläuft: Was habe ich falsch gemacht?

Siebte Klasse, große Pause. Du stehst an der Wand neben dem Fahrradständer, weil dort weniger los ist. Drüben bei der Tischtennisplatte steht die Gruppe. Einer zeigt in deine Richtung, die anderen lachen. Du weißt nicht genau, worüber. Vielleicht über deine Jacke. Vielleicht über das, was du in Bio gesagt hast, als du die Frage zur Photosynthese ausführlicher beantwortet hast als die Lehrerin selbst. Vielleicht über gar nichts Bestimmtes.

Am Nachmittag findest du deinen Turnbeutel im Mülleimer. Im Klassenchat, in dem du nicht bist, kursiert ein Bild von dir. Auf der Klassenfahrt im Frühjahr will niemand mit dir ins Zimmer. Die Lehrerin teilt dich am Ende einer Gruppe zu, die laut stöhnt.

Zu Hause sagst du wenig. Wenn du doch etwas erzählst, hörst du Sätze wie „Ignorier die einfach“ oder „Vielleicht musst du ein bisschen mehr auf die anderen zugehen“. Und so wächst in dir eine Überzeugung, die viele Betroffene bis ins Erwachsenenalter tragen: Irgendetwas an mir lädt dazu ein. Wenn ich nur wüsste, was.

Mobbing in der Schule: was es ist

Dan Olweus (1931–2020), schwedisch-norwegischer Psychologe und Begründer der modernen Mobbingforschung, hat Mobbing über drei Merkmale bestimmt, die bis heute in fast jeder Definition stehen:

  1. Absicht: Jemand wird bewusst verletzt, gedemütigt oder ausgeschlossen.
  2. Wiederholung: Es passiert immer wieder, über Wochen oder Monate.
  3. Machtungleichgewicht: Die betroffene Person kann sich kaum wehren, weil die andere Seite stärker, zahlreicher oder sozial besser gestellt ist.

Mobbing beschreibt also ein Muster über längere Zeit. Ein einzelner Streit unter Gleichstarken gehört in eine andere Kategorie.

Neurodivergente Kinder werden deutlich häufiger zum Ziel. Eine kanadische Meta-Analyse aus dem Jahr 2016, die siebzehn Studien zusammenfasste, kommt für autistische Kinder und Jugendliche auf eine Quote von 44 Prozent, die in der Schule gemobbt wurden, mit einem klar höheren Risiko als bei Gleichaltrigen ohne Autismus. Ähnliche Befunde gibt es für ADHS. Für hochbegabte Kinder ist das Bild weniger eindeutig, dazu weiter unten mehr. Eine Studie der Purdue University befragte 2006 insgesamt 432 hochbegabte Jugendliche der achten Klasse aus elf US-Bundesstaaten. Zwei Drittel berichteten, bis dahin mindestens einmal gemobbt worden zu sein, am häufigsten in der sechsten Klasse.

Wenn so viele Kinder mit einem ähnlichen Profil dasselbe erleben, lohnt sich ein Blick auf die Umgebung, in der es geschieht.

Warum es gerade dich getroffen hat

Meist kommen mehrere Dinge zusammen. Den Kern der Sache, nämlich warum ein Kind zur Zielscheibe werden kann, ohne irgendetwas getan zu haben, machen zwei Zusammenhänge verständlich.

Erstens: Mobbing in der Schule ist ein Gruppenprozess

Wer mobbt, will in der Regel etwas von der Gruppe, meistens Status und Anerkennung. Das Opfer ist das Mittel. Ausgewählt wird, wer sich dafür eignet, und das sind Kinder, deren Ausgrenzung wenig kostet, weil sie wenige Verbündete haben, und die in irgendeiner Weise vom ungeschriebenen Gruppencode abweichen.

Genau hier kommt Neurodivergenz ins Spiel. Ein hochbegabtes, autistisches oder ADHS-betroffenes Kind weicht oft in mehreren Punkten vom Code ab: andere Interessen, eine andere Art zu sprechen, ein anderes Tempo, andere Reaktionen. Und es hat häufig weniger Verbündete, weil die ungeschriebenen Regeln der Freundschaft unter Gleichaltrigen für es schwer zu lesen sind. Damit erfüllt es beide Kriterien, ohne dafür irgendetwas getan zu haben. Die Auswahl folgt aus der Logik der Gruppe.

Dazu kommt, dass Abweichung für eine Gruppe einen Nutzen hat. Wer gemeinsam über jemanden lacht, bestätigt sich gegenseitig, dass man selbst dazugehört. Der Spott über das Kind am Rand stärkt das Wir an der Tischtennisplatte, und jedes Lachen ist zugleich ein kleines Bekenntnis zur Gruppe. Je unsicherer die Rangordnung ist, etwa in einer neu zusammengesetzten Klasse, desto größer wird der Bedarf an solchen Bekenntnissen. Ein Kind, das ohnehin auffällt und wenige Fürsprecher hat, bietet sich dafür an, ganz gleich, wie es sich verhält. In der Szene vom Anfang steht diese Logik ganz wörtlich im Bild: die Gruppe an der Tischtennisplatte, du allein am Fahrradständer, dazwischen ein leerer Schulhof.

Zweitens: Du hast etwas ausgelöst, das andere schwer aushalten konnten

Der zweite Grund betrifft besonders hochbegabte Kinder, und er klingt im ersten Moment nach Größenwahn. Ein Kind, das anders denkt, viel weiß oder intensiv fühlt, kann bei anderen ein unangenehmes Gefühl auslösen: Unsicherheit, Unterlegenheit, manchmal Neid. Dieses Gefühl ist schwer zu ertragen, und es sucht sich einen Ausweg. Häufig landet es bei dem Kind, das es ausgelöst hat, in Form von Spott und Abwertung.

Die Antwort zur Photosynthese, ausführlicher als die der Lehrerin, ist ein gutes Beispiel. Für dich war sie Begeisterung. Für einige in der Klasse war sie eine Erinnerung daran, dass sie die Antwort nicht wussten. Für ein Kind ist diese Dynamik unmöglich zu durchschauen. Es hört nur: Du bist zu viel. Du bist arrogant. Du bist komisch. Und es zieht den einzig naheliegenden Schluss: Mit mir stimmt etwas nicht.

Grundlagen: Woher die Mobbingforschung kommt und was sie über Außenseiter in der Schule weiß

Die beiden Gründe, Gruppenprozess und abgewehrtes Gefühl, stammen aus zwei Forschungslinien, die sich über ein halbes Jahrhundert entwickelt haben. Die eine beginnt bei einem Verhaltensforscher in Österreich und einem Arzt in Schweden und führt über Norwegen nach Finnland. Die andere führt von der Psychoanalyse in Wien zu einem Sozialpsychologen in Australien. Wer beide kennt, sieht den Schulhof aus der Szene mit anderen Augen.

Konrad Lorenz und ein schwedischer Arzt: wie das Wort Mobbing in die Schule kam

Das Wort stammt aus der Tierbeobachtung. Der österreichische Zoologe Konrad Lorenz (1903–1989), einer der Begründer der Verhaltensforschung und 1973 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet, beschrieb 1963 in „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“ unter anderem ein Verhalten, das in der deutschen Vogelkunde Hassen heißt und im Englischen mobbing: Kleine Vögel tun sich zusammen und bedrängen gemeinsam einen Greifvogel oder eine Eule, bis der Eindringling abzieht.

Ein schwedischer Arzt stützte sich auf Lorenz’ Buch und übertrug den Begriff auf Kinder. 1969 schrieb er in der Zeitschrift „Liberal Debatt“ einen Aufsatz mit dem Titel „Apartheid“. Der Titel zeigt, wie grundsätzlich er das Thema sah: Er rückte den Ausschluss eines Kindes in die Nähe der Rassentrennung in Südafrika. 1972 folgte sein Buch „Mobbning. Gruppvåld bland barn och vuxna“, auf Deutsch etwa „Mobbing. Gruppengewalt unter Kindern und Erwachsenen“. Er beschrieb, wie eine Gruppe über einen Einzelnen herfällt, der auffällt, etwa durch eine andere Hautfarbe oder eine Behinderung. Mit dem Wort brachte er von Anfang an den Gedanken mit, dass Mobbing eine Sache der Gruppe ist.

Dan Olweus: Täter, Opfer und eine Definition

Olweus, der ab 1970 als Professor an der Universität Bergen in Norwegen lehrte, griff die Debatte auf und machte daraus empirische Forschung. 1973 erschien in Schweden seine Studie „Hackkycklingar och översittare“, 1978 auf Englisch als „Aggression in the Schools: Bullies and Whipping Boys“. Olweus hielt das Bild einer ganzen Meute für zu eng. Er beobachtete, dass Mobbing oft von einzelnen Kindern ausgeht und sich über lange Zeit gegen dieselben Opfer richtet, und er verwendete deshalb lieber das englische Wort bullying, das den Täter betont.

Den Durchbruch brachte ein trauriger Anlass. Ende 1982 berichteten norwegische Zeitungen, dass sich im Norden des Landes drei Jungen im Alter zwischen zehn und vierzehn Jahren das Leben genommen hatten, sehr wahrscheinlich als Folge schweren Mobbings. Im Herbst 1983 startete das norwegische Bildungsministerium eine landesweite Kampagne gegen Mobbing an Schulen, und Olweus entwickelte dafür sein Präventionsprogramm. Sein Buch „Bullying at School“ von 1993 machte seine Definition international zum Standard. Der deutsch-schwedische Psychologe Heinz Leymann (1932–1999) übertrug den Begriff in den 1980er Jahren auf den Arbeitsplatz, und seither kennt man Mobbing auch aus dem Büro.

Christina Salmivalli: Die ganze Klasse spielt mit

Den Blick zurück auf die Gruppe lenkte eine junge finnische Forscherin. Christina Salmivalli, geboren 1967, heute Professorin für Psychologie an der Universität Turku, veröffentlichte 1996 mit Kolleginnen und Kollegen die Studie „Bullying as a Group Process“. Sie befragte ganze Schulklassen: wer mobbt, wer gemobbt wird und wie sich alle anderen Kinder verhalten. Das Ergebnis: Fast jedes Kind in einer Klasse hat eine Rolle.

  • Täter, die angreifen, bloßstellen und abwerten.
  • Assistenten, die mitmachen, wenn jemand anfängt.
  • Verstärker, die lachen, zuschauen und damit Beifall liefern.
  • Außenstehende, die wegsehen und schweigen.
  • Verteidiger, die dem Opfer beistehen, meist nur sehr wenige.

Salmivalli setzte die Rollen außerdem in Beziehung zum Ansehen der Kinder in ihrer Klasse. Verteidigerinnen und Verteidiger waren in ihren Daten oft beliebt, die Opfer gehörten zu den am stärksten Abgelehnten. Wer beliebt ist, kann es sich leisten, für ein Opfer einzustehen. Wer selbst am Rand steht, riskiert mit seiner Hilfe den eigenen Platz. Für ein Kind am Fahrradständer heißt das: Die wenigen, die sich auf seine Seite stellen könnten, haben ohne Rückhalt viel zu verlieren.

Für die Frage nach dem Warum ist das ein Wendepunkt. Wenn Verstärker und Außenstehende das Mobbing tragen, dann hängt es vor allem an dem, was die Gruppe belohnt. Ab 2006 entwickelte Salmivalli mit ihrem Team im Auftrag des finnischen Bildungsministeriums ein Schulprogramm, das genau bei den Zuschauenden ansetzt. In der Szene vom Anfang sind die beiden Lachenden an der Tischtennisplatte Verstärker, die Lehrerin, die dich einer stöhnenden Gruppe zuteilt, steht irgendwo zwischen Außenstehender und Assistentin.

Status als Motiv

Warum jemand überhaupt mobbt, haben zwei US-amerikanische Soziologen 2011 mit Netzwerkdaten aus Schulen in North Carolina untersucht. Sie fragten, wer mit wem befreundet ist, und setzten das in Beziehung zu aggressivem Verhalten. Das Ergebnis widersprach dem verbreiteten Bild vom aggressiven Außenseiter: Aggression stieg mit dem Ansehen in der Gruppe und erreichte ihren Höhepunkt kurz unterhalb der Spitze. Die Kinder ganz unten und ganz oben in der Hierarchie waren am wenigsten aggressiv. Die Forscher deuteten das als Wettbewerb um Status: Wer aufsteigen oder seinen Platz halten will, nutzt Aggression als Werkzeug.

Damit erklärt sich, warum die Auswahl des Opfers so wenig mit dessen Verhalten zu tun haben muss. Wer Status gewinnen will, braucht ein Ziel, dessen Abwertung die Gruppe mitträgt und das sich kaum wehren kann. Ein Kind am Fahrradständer ohne Verbündete erfüllt beide Bedingungen.

Der Klassenchat aus der Szene verlegt diese Mechanik in den digitalen Raum. Ein geteiltes Bild kostet den Täter kaum Mühe, und jedes lachende Symbol darunter ist die Rolle des Verstärkers in Kurzform. Wer gemobbt wird, sieht oft nicht einmal, wer mitlacht, weil er gar nicht in der Gruppe ist. Er bemerkt nur die Blicke am nächsten Morgen.

Norman Feather und das Tall-Poppy-Syndrom

Für den zweiten Grund, das Unbehagen an Begabung, lieferte ein australischer Sozialpsychologe die Forschung. Norman Feather (1930–2023), Gründungsprofessor für Psychologie an der Flinders University in Adelaide, beschäftigte sich ein Forscherleben lang mit Werten, Gerechtigkeit und Motivation. Ab Ende der 1980er Jahre untersuchte er ein Phänomen, für das Australien einen eigenen Ausdruck hat: das Tall-Poppy-Syndrom, benannt nach dem Bild vom hohen Mohn, der zuerst geköpft wird. 1989 veröffentlichte er dazu im Australian Journal of Psychology den Aufsatz „Attitudes Towards the High Achiever: The Fall of the Tall Poppy“. Seinen letzten Aufsatz zu diesem Thema veröffentlichte er 2022, im Alter von über neunzig Jahren.

Feather zeigte, dass Menschen, die als besonders leistungsstark oder auffällig erfolgreich wahrgenommen werden, mit Abwertung rechnen müssen, und dass manche Menschen deren Sturz mit Genugtuung verfolgen. Besonders stark ist diese Reaktion, wenn der Erfolg als unverdient erscheint oder der Erfolgreiche als überheblich gilt. Begabung gerät dabei leicht auf die ungünstige Seite: Wer etwas mühelos zu können scheint, hat es sich in den Augen anderer nicht erarbeitet. Für ein hochbegabtes Kind bedeutet das: Es reicht schon, dass seine Leistung sichtbar ist, damit sie als Angeberei gilt.

Anna Freud und die Projektion

Wie aus dem eigenen Unbehagen ein Urteil über den anderen wird, hatte die Psychoanalyse schon früher beschrieben. Anna Freud (1895–1982), österreichisch-britische Psychoanalytikerin und Pionierin der Kinderanalyse, Tochter des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856–1939), ordnete 1936 in „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ die Strategien, mit denen Menschen sich vor unerträglichen Gefühlen schützen. Einer davon ist die Projektion: Ein Gefühl, das man bei sich selbst schwer aushält, wird einem anderen zugeschrieben.

Auf dem Schulhof klingt das so. Aus „Ich fühle mich neben ihr dumm“ wird „Sie ist eine eingebildete Streberin“. Aus „Seine Begeisterung erinnert mich an etwas, das ich mir nicht erlaube“ wird „Der ist doch komisch“. Feathers Befunde und Anna Freuds Mechanismus greifen ineinander: Die sichtbare Begabung löst das Gefühl aus, die Projektion gibt ihm eine Adresse, und die Gruppe liefert den Beifall.

Spätfolgen von Mobbing: was bleibt

Mobbing endet mit dem Schulabschluss, seine Folgen enden oft erst viel später. Ein Forschungsteam am King’s College London wertete 2014 Daten von 7.771 Menschen aus, die seit ihrer Geburt in einer Woche des Jahres 1958 in England, Schottland und Wales wissenschaftlich begleitet werden. Wer mit sieben und elf Jahren häufig gemobbt worden war, hatte noch mit 50 ein erhöhtes Risiko für Depressionen und Angststörungen, berichtete häufiger von Suizidgedanken, hatte im Schnitt eine geringere Bildung, weniger soziale Unterstützung und eine geringere Lebenszufriedenheit.

Viele Erwachsene erkennen die Spuren bei sich erst spät, weil sie längst zum eigenen Charakter zu gehören scheinen:

  • Du betrittst einen Raum und scannst sofort, wer dir gefährlich werden könnte.
  • Du bist auffallend hilfsbereit, weil Nützlichsein einmal dein einziger Schutz war.
  • Du meidest Gruppen, Teamevents und Feiern, obwohl du Menschen eigentlich magst.
  • Wenn jemand unfreundlich zu dir ist, fragst du dich zuerst, was du falsch gemacht hast.

Wenn die Erinnerungen an die Schulzeit dich bis heute überwältigen, etwa mit Flashbacks oder starken körperlichen Reaktionen, gehört das in traumatherapeutische Hände.

Wo sich die Forschung reibt

So klar die Grundlinien sind, an vier Stellen ist sich die Mobbingforschung uneinig, und gerade diese Stellen betreffen die Frage, ob du etwas getan hast.

  1. Gibt es Opfer, die provozieren? Olweus unterschied passive Opfer, die still und ängstlich wirken, von einer kleineren Gruppe, die er provozierende Opfer nannte: Kinder, die unruhig sind, schwer stillsitzen, andere stören und sich ungeschickt wehren. Liest man seine Beschreibung heute, erinnert sie stark an ADHS. Olweus betonte zugleich, dass auch diese Kinder Opfer sind. Unruhe kann eine Klasse nerven. Sie rechtfertigt keine monatelange, absichtliche Demütigung durch eine Überzahl. Die drei Merkmale seiner eigenen Definition lassen keinen Zweifel daran, wo die Verantwortung liegt.
  2. Einzelne Täter oder ganze Gruppe? Olweus suchte die Ursachen vor allem bei aggressiven Einzelnen, Salmivalli bei den Rollen der ganzen Klasse. Beide Sichtweisen haben empirische Unterstützung, und Präventionsprogramme arbeiten heute meist mit beiden.
  3. Werden Hochbegabte wirklich häufiger gemobbt? Die Zwei-Drittel-Quote aus der Purdue-Studie klingt dramatisch. Die Forschenden selbst verwiesen aber auf frühere Studien, nach denen je nach Messung sechzig bis neunzig Prozent aller Schulkinder irgendwann Mobbing erleben. Für Hochbegabung allein ist ein erhöhtes Risiko schwer zu belegen. Deutlich belegt ist es für Autismus und ADHS, und viele Hochbegabte haben eines davon zusätzlich.
  4. Taugt das Bild aus dem Tierreich? Bei Lorenz bedrängt die Gruppe einen überlegenen Feind. Auf dem Schulhof trifft es meist den Schwächsten. Der schwedische Arzt übernahm mit dem Wort auch die Vorstellung eines angeborenen Gruppeninstinkts; die heutige Forschung erklärt Mobbing über Status, Normen und Belohnung durch die Gruppe.

Wer diese Debatten nebeneinanderlegt, findet eine gemeinsame Linie: Selbst dort, wo das Verhalten eines Kindes andere stört, entsteht Mobbing erst durch eine Gruppe, die Abwertung belohnt, und durch Erwachsene, die sie zulassen.

Was außerdem eine Rolle spielt

Gruppenprozess und Projektion sind zwei Teile der Erklärung. Im Programm „Du warst nie das Problem“ gehen wir mit den Teilnehmenden auch den übrigen nach: warum Lehrkräfte manchmal selbst Teil der Dynamik werden, warum neurodivergente Kinder die versteckten Regeln einer Klasse so schwer lesen und wie das ständige „Du bist zu empfindlich“ die eigene Wahrnehmung bis heute verunsichert.

Was möglich ist

Die Frage „Was habe ich falsch gemacht?“ hat eine ehrliche Antwort, und sie lautet in den allermeisten Fällen: nichts, was eine solche Behandlung rechtfertigt. Du warst anders, in einer Gruppe, die Andersartigkeit bestraft hat. Was passiert ist, bleibt passiert. Die Antwort legt die Verantwortung aber dorthin, wo sie hingehört.

Eine Situation, die viele kennen, macht den Unterschied spürbar. Eine Einladung zum Klassentreffen kommt, und mit ihr das Bild vom Fahrradständer. Früher hätte es dich tagelang beschäftigt, mit der alten Frage im Gepäck. Diesmal siehst du die Gruppe an der Tischtennisplatte so, wie die Forschung sie beschreibt: Dreizehnjährige im Wettbewerb um ihren Platz, mit einer Lehrerin, die weggeschaut hat. Der Schmerz von damals ist noch da. Die Scham ist kleiner geworden, und ob du hingehst, entscheidest du aus dem Heute.

Viele erwachsene Neurodivergente beginnen erst nach der Erkenntnis, wie ihr Gehirn arbeitet, ihre Schulzeit neu zu lesen. Das rund zweijährige Programm „Du warst nie das Problem“ begleitet diesen Weg in vier Phasen, vom Aufwachen über das Lernen und Annehmen bis zum Gestalten eines Lebens, in dem alte Schutzmuster ihre Macht verlieren. Wer prüfen möchte, ob das zu ihm passt, kann über dwndp.de ein Erstgespräch vereinbaren. In der laufenden Pilotphase gilt ein deutlich reduzierter Preis, bis alle Videos aufgezeichnet sind.

Du wurdest ausgewählt, weil du anders warst und allein.

Getan hattest du dafür nichts.


Quellen

  1. Faris, Robert; Felmlee, Diane: Status Struggles. Network Centrality and Gender Segregation in Same- and Cross-Gender Aggression. American Sociological Review 76 (1), 2011, S. 48–73.
  2. Feather, Norman T.: Attitudes Towards the High Achiever. The Fall of the Tall Poppy. Australian Journal of Psychology 41 (3), 1989, S. 239–267.
  3. Freud, Anna: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1936.
  4. Heinemann, Peter-Paul: Apartheid. Liberal Debatt, Heft 2, 1969.
  5. Heinemann, Peter-Paul: Mobbning. Gruppvåld bland barn och vuxna. Natur och Kultur, Stockholm 1972.
  6. Lorenz, Konrad: Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression. Borotha-Schoeler, Wien 1963.
  7. Maïano, Christophe; Normand, Claude L.; Salvas, Marie-Claude; Moullec, Grégory; Aimé, Annie: Prevalence of School Bullying Among Youth with Autism Spectrum Disorders. A Systematic Review and Meta-Analysis. Autism Research 9 (6), 2016, S. 601–615.
  8. Olweus, Dan: Aggression in the Schools. Bullies and Whipping Boys. Hemisphere, Washington 1978. Schwedische Erstausgabe: Hackkycklingar och översittare. Almqvist & Wiksell, Stockholm 1973.
  9. Olweus, Dan: Bullying at School. What We Know and What We Can Do. Blackwell, Oxford 1993.
  10. Peterson, Jean Sunde; Ray, Karen E.: Bullying and the Gifted. Victims, Perpetrators, Prevalence, and Effects. Gifted Child Quarterly 50 (2), 2006, S. 148–168.
  11. Salmivalli, Christina; Lagerspetz, Kirsti; Björkqvist, Kaj; Österman, Karin; Kaukiainen, Ari: Bullying as a Group Process. Participant Roles and Their Relations to Social Status Within the Group. Aggressive Behavior 22 (1), 1996, S. 1–15.
  12. Takizawa, Ryu; Maughan, Barbara; Arseneault, Louise: Adult Health Outcomes of Childhood Bullying Victimization. Evidence From a Five-Decade Longitudinal British Birth Cohort. American Journal of Psychiatry 171 (7), 2014, S. 777–784.