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Wusstest du, dass Masking einer der Hauptgründe für die Erschöpfung vieler Neurodivergenter ist?

Dieser Artikel ist für Erwachsene, die seit Jahren funktionieren und trotzdem dauernd erschöpft sind, und die gerade beginnen, sich zu fragen, ob ihre Art zu denken und wahrzunehmen grundlegend anders ist als bei den meisten. Die Beispiele stammen aus Meetings, Bewerbungsgesprächen, Abendessen mit Freunden und den Stunden danach. Es geht um Masking, also darum, die eigene neurodivergente Art zu verbergen, und darum, was die Forschung über den Zusammenhang mit Erschöpfung und Burnout weiß. Neurodivergent meint hier Menschen mit ADHS, Autismus, Hochbegabung oder einer Kombination davon. Der Artikel erzählt, wie ein Soziologe auf den Shetlandinseln die Bühne des Alltags entdeckte, was eine Soziologin bei Flugbegleiterinnen über gelenkte Gefühle herausfand und wie die Forschung seit 2017 Masking vermisst. Danach weißt du, wohin ein großer Teil deiner Kraft jeden Tag verschwindet.
Montag, neun Uhr, Teammeeting. Bevor es losgeht, hast du dich bereits vorbereitet, und zwar doppelt. Einmal inhaltlich, das ist der leichte Teil. Und einmal sozial: Wann sagst du etwas? Wie formulierst du es, damit es weniger direkt klingt? Welchen Gesichtsausdruck setzt du auf, interessiert und dabei nicht zu interessiert? In deinem Kopf liegt eine Liste: Augenkontakt halten. Nicken. Nicht zu schnell antworten. Nicht als Erste sprechen. Nicht zu viel wissen.
Das Meeting läuft gut. Niemand ahnt, dass die eigentliche Arbeit schon vorher stattgefunden hat und während der ganzen Stunde weiterläuft.
Am Abend kommst du nach Hause, schließt die Tür und sackst innerlich zusammen. Dein Partner fragt: „Wie war dein Tag?“ Du sagst „Gut“, weil dir die Worte fehlen für das, was tatsächlich passiert ist. Und am Wochenende schläfst du zehn Stunden und wachst trotzdem müde auf.
Was Masking ist
Masking, in der Forschung auch Camouflaging genannt, beschreibt die Anstrengung, mit der neurodivergente Menschen ihr Verhalten, ihre Reaktionen und ihre Wirkung an eine Umgebung anpassen, deren Erwartungen auf neurotypische Menschen zugeschnitten sind. Jeder Mensch passt sich an. Du sprichst mit deiner Chefin anders als mit deinem besten Freund. Masking geht weiter: Es bedeutet, Teile der eigenen Wahrnehmung, des eigenen Denkens und der eigenen Bedürfnisse systematisch zu verbergen, weil man früh gelernt hat, dass sie anecken.
Ein Forschungsteam am University College London veröffentlichte 2017 die Studie „Putting on My Best Normal“, auf Deutsch etwa „Ich setze mein bestes Normal auf“. Es befragte autistische Erwachsene ausführlich nach ihrer Innensicht und fand drei Bausteine, aus denen sich Masking zusammensetzt:
- Kompensation: Soziale Regeln und Abläufe werden bewusst gelernt und angewendet, etwa Gesprächsskripte, auswendig gelernte Antworten oder eingeübtes Lachen an der richtigen Stelle.
- Maskieren im engeren Sinn: Eigene Verhaltensweisen werden unterdrückt, etwa Bewegungsdrang, ein monotoner Tonfall, das Vermeiden von Blickkontakt oder die Begeisterung für ein Spezialthema.
- Assimilation: Der Versuch, in Gruppen schlicht nicht aufzufallen und mitzuschwimmen.
Die Forschung dazu konzentriert sich bisher stark auf Autismus. Menschen mit ADHS und hochbegabte Menschen beschreiben aber sehr ähnliche Muster: das Bremsen der eigenen Geschwindigkeit, das Verstecken von Unruhe, das Kleinmachen des eigenen Wissens. Die Liste im Kopf vor dem Montagsmeeting enthält alle drei Bausteine.
Warum Masking so erschöpft
Für die Erschöpfung durch Masking gibt es mehrere Gründe, die zusammenwirken. Zwei davon sind besonders gut erforscht, und sie erklären den größten Teil dessen, was am Montagabend hinter der Wohnungstür ankommt.
Erstens: Was bei anderen automatisch läuft, steuerst du von Hand
Bei neurotypischen Menschen laufen viele soziale Abläufe unbewusst. Wann man jemanden ansieht, wann man wegschaut, wann eine Pause im Gespräch zum Sprechen einlädt, welcher Gesichtsausdruck passt: All das regelt sich in Sekundenbruchteilen von selbst.
Wer maskiert, muss genau diese Dinge bewusst steuern. Das ist, als würdest du Auto fahren und bei jedem Gangwechsel innehalten, Drehzahl und Geschwindigkeit abschätzen und von Hand den richtigen Gang wählen, während du gleichzeitig den Verkehr beobachtest und dem Navi zuhörst. Du kommst ans Ziel, und danach bist du fertig. Das bewusste Steuern beansprucht das Arbeitsgedächtnis, und das fasst nur wenig auf einmal. Jeder Gedanke, der in die Frage fließt, wie lange du schon in die Augen schaust, fehlt für das eigentliche Gespräch, für das Zuhören, für das Denken. Im Montagsmeeting sitzt du eine ganze Stunde lang in genau diesem Modus: Du hörst zu, denkst über den Inhalt nach und überwachst gleichzeitig Blick, Tonfall, Redezeitpunkt und Gesichtsausdruck. Die anderen erleben dich als aufmerksame Kollegin, und in dir laufen dabei zwei Programme gleichzeitig, die beide Strom brauchen.
Zweitens: Unterdrücken kostet extra
Masking besteht zu großen Teilen aus Unterdrücken. Den Impuls, den Raum wegen des Lärms zu verlassen. Die Begeisterung, die zu groß wirken würde. Die Meinung, die zu direkt klingen würde. Den Körper, der sich bewegen will. Dass genau dieses Unterdrücken den Körper und das Denken belastet, gehört zu den am besten belegten Befunden der Emotionsforschung, und seine Geschichte erzählt der Grundlagen-Teil. Jede einzelne Unterdrückung ist klein. Zusammen ergeben sie eine Dauerlast.

Grundlagen: Woher das Wissen über Masking kommt
Das Wort Masking ist jung, die Beobachtung dahinter ist alt. Lange bevor jemand den Begriff auf Neurodivergenz anwandte, hatten zwei Soziologen beschrieben, wie Menschen sich vor anderen inszenieren und was es kostet, Gefühle auf Bestellung zu zeigen. Die Forschung der letzten zehn Jahre hat darauf aufgebaut, und sie streitet bis heute darüber, wie man Masking überhaupt misst.
Erving Goffman: Vorderbühne und Hinterbühne
Erving Goffman (1922–1982), kanadisch-amerikanischer Soziologe, zuletzt Professor an der University of Pennsylvania, verbrachte für seine Doktorarbeit von Ende 1949 bis Mitte 1951 rund anderthalb Jahre auf Unst, einer der Shetlandinseln. Er hielt sich oft in der Küche eines kleinen Hotels auf und beobachtete, wie sich dasselbe Personal im Speisesaal vor den Gästen ganz anders verhielt als in der Küche. Aus solchen Beobachtungen entstand sein Buch „The Presentation of Self in Everyday Life“, erstmals 1956 erschienen, deutsch „Wir alle spielen Theater“.
Goffman beschreibt das soziale Leben als Bühne. Auf der Vorderbühne spielen Menschen eine Rolle für ein Publikum und pflegen eine Fassade, die zu den Erwartungen passt. Auf der Hinterbühne, wo das Publikum fehlt, dürfen sie aus der Rolle fallen, sich ausruhen und die nächste Vorstellung vorbereiten. Diese Inszenierung nannte Goffman Impression Management, und er hielt sie für einen ganz normalen Teil jedes Alltags.
Goffmans Bild erklärt die Szene vom Anfang erstaunlich genau. Das Montagsmeeting ist Vorderbühne, und die Liste im Kopf ist das Drehbuch für die Rolle. Die Wohnungstür am Abend ist der Übergang zur Hinterbühne. Für viele neurodivergente Menschen ist dieser Übergang so abrupt, weil die Vorderbühne fast den ganzen Tag dauert und die Rolle besonders weit von ihrer eigenen Art entfernt liegt. Aus Goffmans Beschreibung folgt auch, dass eine Vorstellung umso mehr Wachsamkeit verlangt, je größer der Abstand zwischen Rolle und Darsteller ist, denn dann kann jeder kleine Ausrutscher die Fassade verraten.
Arlie Hochschild: der Preis gelenkter Gefühle
Goffman hatte beschrieben, wie Menschen ihre Wirkung inszenieren. Was diese Inszenierung im Inneren kostet, untersuchte eine Generation später Arlie Russell Hochschild, geboren 1940, US-amerikanische Soziologin und emeritierte Professorin der University of California in Berkeley. Für ihr Buch „The Managed Heart“ von 1983, deutsch „Das gekaufte Herz“, begleitete sie unter anderem Flugbegleiterinnen bei ihrer Ausbildung und ihrer Arbeit. Die Fluggesellschaft verlangte von ihnen, auch auf langen Flügen, bei Turbulenzen und gegenüber unhöflichen Passagieren freundlich zu wirken, und schulte sie darin, ihre Gefühle entsprechend zu lenken.
Hochschild nannte diese Arbeit Emotionsarbeit und unterschied zwei Formen. Beim oberflächlichen Handeln zeigt ein Mensch ein Gefühl, das er nicht empfindet, etwa ein Lächeln über einem inneren Ärger. Beim tiefen Handeln versucht er, das geforderte Gefühl tatsächlich zu erzeugen. Beide Formen hinterließen Spuren: Viele der Flugbegleiterinnen berichteten, dass sie nach Feierabend kaum noch wussten, was sie selbst fühlten, und dass ihr eigenes Lächeln ihnen fremd geworden war. Spätere Studien zur Emotionsarbeit in Dienstleistungsberufen haben vor allem das oberflächliche Handeln mit emotionaler Erschöpfung in Verbindung gebracht.
Hochschild schrieb über Berufe, und sie dachte dabei an eine Rolle, die Menschen für eine begrenzte Arbeitszeit spielen. Für viele neurodivergente Menschen ist Masking eine Emotionsarbeit ohne Dienstschluss: in der Schule, im Job, im Freundeskreis und oft sogar in der eigenen Familie. Hochschilds Befund, dass Menschen dabei den Kontakt zu den eigenen Gefühlen verlieren können, trifft, was viele Erwachsene nach Jahrzehnten des Maskings beschreiben: Sie wissen irgendwann nicht mehr genau, was sie mögen, was sie denken und was sie brauchen.
Die Vermessung des Camouflaging
Wissenschaftlich vermessen wurde Masking erst ab Mitte der 2010er Jahre, und den Anstoß gaben vor allem autistische Frauen. Lange galt Autismus als überwiegend männlich. Viele Frauen erhielten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter, und sie erzählten, wie gut sie über Jahre gelernt hatten, unauffällig zu wirken. Die Forschung begann zu fragen, ob die ungleiche Verteilung zum Teil daher rührt, dass Mädchen und Frauen ihre autistischen Merkmale häufiger verbergen.
Eine Forschungsgruppe in Cambridge schlug 2017 vor, Camouflaging über eine Lücke zu messen: den Abstand zwischen den autistischen Merkmalen, die ein Mensch innerlich erlebt und in Tests zeigt, und dem Verhalten, das andere von außen beobachten. Je größer der Abstand, desto mehr wird verborgen. Frauen zeigten im Schnitt einen größeren Abstand als Männer. Im selben Jahr erschien die Londoner Studie mit den drei Bausteinen. Die Befragten beschrieben Masking darin als erschöpfend und als entfremdend, weil sie sich selbst hinter der Rolle kaum noch wiederfanden, und zugleich als etwas, worauf sie im Alltag kaum verzichten konnten. Manche erzählten, dass sie ihre Strategien systematisch gelernt hatten, durch das Beobachten anderer, aus Büchern und Filmen oder mit selbst aufgestellten Regeln für Gespräche. Im Jahr 2019 legte dasselbe Londoner Team einen Fragebogen vor, mit dem Menschen ihr eigenes Camouflaging einschätzen, den Camouflaging Autistic Traits Questionnaire. Hohe Werte gingen in dieser und in weiteren Studien mit mehr Angst und depressiven Beschwerden einher.
Für Hochbegabung hat eine andere Forschungstradition ein verwandtes Muster beschrieben. Die Begabungsforschung beobachtet seit den 1980er Jahren, dass viele hochbegabte Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten bewusst herunterspielen, um dazuzugehören: Sie melden sich seltener, schreiben absichtlich Fehler in Tests oder verschweigen, was sie in ihrer Freizeit lesen. In der Fachliteratur heißt das Dilemma, vor dem sie stehen, die Wahl zwischen Leistung und Zugehörigkeit. Das Kleinmachen des eigenen Wissens aus der Liste vor dem Montagsmeeting hat hier seine Wurzeln, und es wurde oft über viele Schuljahre eingeübt.
Was Unterdrücken kostet: die Emotionsforschung
Den zweiten Grund aus diesem Artikel hat die Emotionsforschung in Kalifornien untersucht, lange bevor jemand von Masking sprach. 1993 zeigten zwei Psychologen an der University of California in Berkeley Versuchspersonen einen Film, der Ekel auslöste. Ein Teil sollte die eigenen Gefühle nach außen hin verbergen, also ein neutrales Gesicht machen. Diese Gruppe sah äußerlich ruhiger aus, ihr Körper reagierte aber mit stärkerer Aktivierung des vegetativen Nervensystems, und sie fühlte innerlich nicht weniger Ekel. Das Gefühl verschwand also aus dem Gesicht und blieb im Körper.
Im Jahr 2000 ging ein Forschungsduo an der Stanford University, zu dem einer der beiden Berkeley-Forscher gehörte, einen Schritt weiter. Versuchspersonen sahen belastende Bilder und Filme, und wieder sollte ein Teil die eigenen Gefühle nach außen unterdrücken. Wer unterdrückte, erinnerte sich danach schlechter an das, was er gesehen und gehört hatte. Das Unterdrücken band geistige Kapazität, die für das Wahrnehmen und Behalten fehlte.
Für den Montag heißt das: Wer im Meeting die Begeisterung über eine Idee dämpft, den Ärger über eine Unterbrechung glättet und den Impuls unterdrückt, wegen des Lüftergeräuschs den Raum zu verlassen, zahlt doppelt. Der Körper bleibt angespannt, und ein Teil der Aufmerksamkeit fehlt dem Inhalt. Am Abend ist beides aufgebraucht.
Masking und Burnout
Ein Forschungsteam an der Portland State University, geleitet von einer selbst autistischen Wissenschaftlerin, veröffentlichte 2020 eine der ersten Studien, die autistisches Burnout systematisch beschreibt. Die Befragten schilderten einen Zustand tiefer Erschöpfung, verbunden mit dem Verlust von Fähigkeiten, die vorher selbstverständlich waren, und einer stark gesunkenen Toleranz für Reize. Als Ursache benannten die Forschenden chronischen Lebensstress und ein dauerhaftes Missverhältnis zwischen dem, was von den Menschen erwartet wurde, und dem, was sie ohne Unterstützung leisten konnten. Das ständige Verbergen autistischer Eigenschaften gehört nach diesen Befunden zu dieser Last: Die Forschenden warnen ausdrücklich davor, autistischen Menschen Masking anzutrainieren, und beschreiben das Ablegen der Maske als Teil der Erholung.
Devon Price, geboren 1988, US-amerikanischer Sozialpsychologe an der Loyola University Chicago und selbst autistisch, hat diese Befunde 2022 in seinem Buch „Unmasking Autism“ einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Price beschreibt Masking als Antwort auf eine Umgebung, die Abweichung bestraft, und er bezieht ausdrücklich Menschen ein, die nie eine Diagnose bekommen haben. Die Frage, die er stellt, verschiebt den Blick: Was ist dir passiert, wenn du die Maske abgelegt hast?
Wo sich die Forschung widerspricht
Dass Masking Kraft kostet, ist in der Forschung unbestritten. Um vier Fragen wird dagegen gestritten:
- Selbstauskunft oder Lücke? Der Londoner Fragebogen fragt Menschen, wie sehr sie sich verstellen. Die Cambridger Methode misst den Abstand zwischen innen und außen. Beide Wege haben Schwächen: Wer sehr geübt maskiert, bemerkt es oft selbst nicht mehr und unterschätzt es im Fragebogen. Die Lückenmethode hängt davon ab, wie gut die Tests das Innere erfassen.
- Ursache oder Folge? Fast alle Studien messen Masking und Erschöpfung zum selben Zeitpunkt. Ob Masking Angst und Burnout verursacht oder ob ängstliche Menschen mehr maskieren, lässt sich daraus nicht sicher ablesen. Wahrscheinlich verstärken sich beide gegenseitig.
- Nur Autismus? Goffman hielt Inszenierung für einen Teil jedes menschlichen Lebens, und auch nichtautistische Menschen erzielen auf den Camouflaging-Fragebögen Werte. Was Masking bei neurodivergenten Menschen besonders macht, sind Dauer, Umfang und der Abstand zur eigenen Art. Für ADHS und Hochbegabung gibt es bisher kaum eigene Studien, obwohl Betroffene sehr ähnliche Muster beschreiben.
- Ablegen um jeden Preis? Die Burnout-Forschung beschreibt das Ablegen der Maske als Teil der Erholung. Zugleich hatte Masking reale Gründe, und in manchen Umgebungen hat Auffallen bis heute einen Preis. Wer die Maske von heute auf morgen fallen lässt, erlebt deshalb oft das Gegenteil von Erleichterung.
Unbestritten ist auch ein weiterer Punkt: Masking ist eine Leistung, und sie hat Menschen in Situationen geschützt, in denen Auffallen gefährlich war.
Das Tourniquet und die Tür
Ein Bild hilft, die Langzeitwirkung zu verstehen. Ein Tourniquet ist eine Abbindung, mit der man im Notfall eine Blutung stoppt. Kurzfristig rettet es Leben. Bleibt es zu lange, nimmt das Gewebe darunter Schaden. Masking wirkt ähnlich: Es hat dich geschützt, und wenn es Jahrzehnte dauert, verlieren viele Menschen den Kontakt zu dem, was sie abgebunden haben. Hier treffen sich Hochschilds Beobachtungen an den Flugbegleiterinnen und die Burnout-Forschung.
Damit lässt sich der Montagabend vollständig lesen. Hinter der Wohnungstür endet eine Vorstellung, die um neun Uhr begonnen hat. Die Frage deines Partners kommt in dem Moment, in dem die Vorderbühne gerade verlassen ist und die Kraft für eine weitere Rolle fehlt. „Gut“ ist die kürzeste Antwort, die übrig bleibt, und sie stimmt in gewisser Weise sogar: Die Vorstellung ist gelungen.
Masking hat eine unangenehme Nebenwirkung: Es macht ADHS und Autismus bei Erwachsenen, besonders bei Frauen, so unsichtbar, dass sie oft jahrzehntelang niemandem auffallen, manchmal nicht einmal den Betroffenen selbst. Für das Verständnis des Mechanismus braucht es keine Diagnose. Wer sich Klarheit wünscht, kann sie in einer fachkundigen Diagnostik suchen. Und wenn die Erschöpfung bereits in Richtung Burnout geht, gehört sie in ärztliche oder therapeutische Begleitung.
Was außerdem mitspielt
Das Steuern von Hand und das Unterdrücken sind zwei Gründe. Im Programm „Du warst nie das Problem“ schauen wir uns auch die übrigen an: warum Masking keinen Feierabend kennt und oft sogar in der eigenen Familie weiterläuft, warum viele Menschen nach Jahren der Anpassung die Signale ihres eigenen Körpers kaum noch spüren, und wie Masking und Reizverarbeitung sich gegenseitig verstärken.
Was möglich ist
Die Lösung steht schon im Titel, und sie ist zugleich der Anfang einer längeren Geschichte: Wenn Masking ein Hauptgrund deiner Erschöpfung ist, liegt in einem bewussteren Umgang damit ein großer Hebel. Es braucht ein Verständnis dafür, wo du maskierst, was es dich kostet, wo es dich schützt und wo du es dir leisten kannst, Stück für Stück mehr du selbst zu sein.
Derselbe Montag lässt sich auch anders erzählen. Das Meeting findet statt, du bereitest dich vor, und an manchen Stellen passt du dich weiterhin an, weil du es so entscheidest. An anderen Stellen lässt du die Liste im Kopf weg: Du sagst deine Idee in deinen eigenen Worten, und niemand im Raum stört sich daran. Am Abend schließt du die Tür, du bist müde wie nach einem Arbeitstag, und als dein Partner fragt, wie es war, findest du ein paar echte Sätze über deinen Tag.
Genau diesen Weg gehen erwachsene Neurodivergente im rund zweijährigen Programm „Du warst nie das Problem“. Es führt in vier Phasen vom Aufwachen über das Lernen, in dem Masking sichtbar wird, bis zum Annehmen und Gestalten, in denen daraus ein Leben mit weniger Fassade und mehr Kraft wird. Wie wir dabei vorgehen, besprechen wir gern persönlich. Über dwndp.de lässt sich ein Erstgespräch vereinbaren. Solange die Kursvideos entstehen, läuft eine Pilotphase mit deutlich reduziertem Preis.
Die Kraft, die dir fehlt, steckt in der Fassade.
Und was in der Fassade steckt, lässt sich nach und nach zurückholen.
Quellen
- Goffman, Erving: The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh, Social Sciences Research Centre, Edinburgh 1956; erweiterte Ausgabe Doubleday, New York 1959. Deutsch: Wir alle spielen Theater. Piper, München 1969.
- Gross, James J.; Levenson, Robert W.: Emotional Suppression. Physiology, Self-Report, and Expressive Behavior. Journal of Personality and Social Psychology 64 (6), 1993, S. 970–986.
- Gross, Miraca U. M.: The Pursuit of Excellence or the Search for Intimacy? The Forced-Choice Dilemma of Gifted Youth. Roeper Review 11 (4), 1989, S. 189–194.
- Hochschild, Arlie Russell: The Managed Heart. Commercialization of Human Feeling. University of California Press, Berkeley 1983. Deutsch: Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle. Campus, Frankfurt am Main 1990.
- Hull, Laura; Mandy, William; Lai, Meng-Chuan u. a.: Development and Validation of the Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q). Journal of Autism and Developmental Disorders 49 (3), 2019, S. 819–833.
- Hull, Laura; Petrides, K. V.; Allison, Carrie u. a.: „Putting on My Best Normal“. Social Camouflaging in Adults with Autism Spectrum Conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders 47 (8), 2017, S. 2519–2534.
- Lai, Meng-Chuan; Lombardo, Michael V.; Ruigrok, Amber N. V. u. a.: Quantifying and Exploring Camouflaging in Men and Women with Autism. Autism 21 (6), 2017, S. 690–702.
- Price, Devon: Unmasking Autism. Discovering the New Faces of Neurodiversity. Harmony Books, New York 2022.
- Raymaker, Dora M.; Teo, Alan R.; Steckler, Nicole A. u. a.: „Having All of Your Internal Resources Exhausted Beyond Measure and Being Left with No Clean-Up Crew“. Defining Autistic Burnout. Autism in Adulthood 2 (2), 2020, S. 132–143.
- Richards, Jane M.; Gross, James J.: Emotion Regulation and Memory. The Cognitive Costs of Keeping One’s Cool. Journal of Personality and Social Psychology 79 (3), 2000, S. 410–424.
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