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Warum du dich immer anstrengst, normal zu sein, und es nie reicht

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

Die Messlatte, die mitwandert

Wer seit Langem an sich arbeitet, um endlich so zu funktionieren wie die anderen, und sich gerade fragt, ob er vielleicht grundsätzlich anders gestrickt ist, findet sich in diesem Text wieder. Die Beispiele stammen aus dem Berufsleben, aus Ratgeberregalen, Therapien und Neujahrsvorsätzen. Es geht um den Wunsch, normal zu sein, um die Frage, warum er bei hochbegabten und neurodivergenten Menschen so oft ins Leere läuft, und um den Schritt, der an dieser Stelle tatsächlich etwas bewegt. Mit neurodivergent sind Menschen gemeint, deren Gehirn anders arbeitet als der Durchschnitt, etwa bei ADHS, Autismus oder Hochbegabung. Der Artikel erzählt, woher unsere Vorstellung vom Normalen stammt, von einem belgischen Astronomen über ein Cockpit der US-Luftwaffe bis zu Psychoanalytikern in London und Zürich, und er erklärt, warum noch mehr Anstrengung hier keine Lösung bringt.

Auf deinem Nachttisch liegen drei Bücher. Eines über Selbstdisziplin, eines über Zeitmanagement, eines darüber, wie man in Gesprächen gelassener wirkt. Auf deinem Handy sind vier Apps für Gewohnheiten, Fokus, Meditation und Schlaf. Du hast ein Seminar zu Kommunikation besucht, einen Kurs in Achtsamkeit, zwei Therapien gemacht. Jedes Jahr im Januar nimmst du dir vor, dieses Mal wirklich strukturierter, ruhiger und geselliger zu werden.

Und es funktioniert, ein bisschen, eine Weile. Du lernst, im Meeting abzuwarten, bis zwei andere etwas gesagt haben. Du lernst Smalltalk wie eine Fremdsprache, Vokabel für Vokabel. Du hältst einen Monat lang deine Morgenroutine durch.

Dann kommt der Tag, an dem alles kippt. Eine Kleinigkeit reicht, eine Kritik, eine Planänderung, eine Woche mit zu wenig Schlaf. Die mühsam gebaute Struktur fällt in sich zusammen, und zurück bleibt der bekannte Gedanke: Ich habe es wieder nicht geschafft. Andere kriegen das doch auch hin. Was stimmt mit mir nicht?

Normal sein: eine Messlatte, die mitwandert

Der Wunsch, normal zu sein, ist zutiefst menschlich. Wer dazugehört, ist sicher. Wer auffällt, riskiert Ausgrenzung. Für hochbegabte und neurodivergente Menschen hat dieser Wunsch aber eine besondere Schärfe, und das hat zwei Gründe, die zusammen erklären, warum es nie reicht.

Erstens: Die Messlatte ist für ein anderes Nervensystem gebaut

Was als normal gilt, orientiert sich am Durchschnitt. Der Achtstundentag mit gleichmäßiger Leistung, das Großraumbüro, die Erwartung, dass man sich bei Feiern erholt, dass man Gespräche mit ein paar Minuten Plaudern beginnt, dass man morgens früh aufsteht und dann gut funktioniert: All das sind Standards, die für ein durchschnittliches Nervensystem ganz gut passen.

Ein neurodivergentes Nervensystem arbeitet anders. Es verarbeitet Reize ungefilterter, arbeitet in Wellen von Hyperfokus und Erschöpfung und braucht für soziale Abläufe bewusste Steuerung, wo andere auf Autopilot fahren. Wer mit einem solchen Nervensystem die Standards des Durchschnitts erfüllen will, arbeitet dauerhaft gegen die eigene Bauweise.

Das lässt sich mit einem Bild herleiten. Eine Linkshänderin, die gezwungen wird, mit rechts zu schreiben, kann das lernen. Mit viel Übung wird ihre Schrift sogar ordentlich. Sie wird aber immer zusätzliche Kraft dafür aufwenden, und an einem schlechten Tag wird man es sehen. Die Anstrengung verschwindet nie, weil sie aus der Differenz zwischen Bauweise und Anforderung entsteht. Genau das erleben viele neurodivergente Menschen mit dem Normalsein. Jeder Fortschritt kostet dauerhaft Energie, und sobald die Energie fehlt, ist der Fortschritt weg. In der Szene vom Anfang ist das die Woche mit zu wenig Schlaf: Sie nimmt der Morgenroutine den Treibstoff, und die Routine fällt.

Zweitens: Jeder Erfolg gehört der Fassade

Der zweite Grund ist tückischer. Wer sich über Jahre anpasst, baut eine angepasste Version von sich, die den Erwartungen der Umgebung entspricht. Diese Version funktioniert, oft sogar sehr gut. Sie wartet im Meeting ab, beherrscht den Smalltalk, hält die Routine. Jeder Erfolg, den du durch Anpassung erzielst, wird dieser Version gutgeschrieben, der Fassade. Du selbst hast davon wenig.

Im Gegenteil: Je erfolgreicher die Fassade ist, desto größer wird der Abstand zu dem, wer du eigentlich bist, und desto stärker wird das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein, die jeden Moment auffliegen kann. Das Ziel „normal sein“ wandert also mit, egal wie weit du läufst. Du kannst es gar nicht erreichen, weil du selbst nie gemeint warst. Wie das Normale zu einer solchen Messlatte wurde und wie die Fassade entsteht, haben Denkerinnen und Denker aus Statistik, Medizin, Soziologie und Psychoanalyse beschrieben.

Grundlagen: Woher die Idee kommt, normal sein zu müssen

Dass es überhaupt ein Normal gibt, an dem man Menschen messen kann, ist eine erstaunlich junge Idee. Sie ist knapp zweihundert Jahre alt, und ihre Geschichte erklärt, warum sich so viele Menschen an einem Maß abarbeiten, das für niemanden ganz passt.

Adolphe Quetelet und der Durchschnittsmensch

Adolphe Quetelet (1796–1874), belgischer Astronom, Mathematiker und Statistiker, hatte gelernt, wie Astronomen mit Messfehlern umgehen: Sie messen einen Stern viele Male und nehmen den Mittelwert als wahre Position. In den 1830er Jahren übertrug er diese Methode auf Menschen. Er sammelte Daten über Körpergröße, Brustumfang, Heiratsalter und Verbrechen und veröffentlichte 1835 sein Werk über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten, das er als Versuch einer „sozialen Physik“ verstand.

Daraus entstand der Durchschnittsmensch, l’homme moyen. Für Quetelet reichte seine Bedeutung weit über die Rechnung hinaus. Er sah in ihm das Ideal, auf das die Natur zielt, und betrachtete Abweichungen davon als eine Art Fehler. Diese Deutung hat eine lange Wirkung entfaltet. Wer heute fragt, ob er normal ist, fragt im Kern noch immer, wie weit er von Quetelets Mittelwert entfernt liegt, und behandelt den Abstand als Mangel.

Das Cockpit, in das niemand passte

Ein gutes Jahrhundert später zeigte ein Experiment der US-Luftwaffe, was von diesem Ideal übrig bleibt, wenn man genau hinsieht. Ende der 1940er Jahre stürzten auffallend viele Kampfflugzeuge ab, ohne dass Technik oder Piloten als Ursache taugten. Die Cockpits waren 1926 nach den Durchschnittsmaßen der damaligen Piloten gebaut worden. 1950 vermaß ein junger Wissenschaftler im Labor der Luftwaffe in Ohio mehr als viertausend Piloten an 140 Körpermerkmalen und wählte die zehn aus, die für das Cockpit am wichtigsten waren. Dann zählte er, wie viele Piloten bei allen zehn Maßen im mittleren Bereich lagen. Das Ergebnis war null. Schon bei drei Maßen gleichzeitig lagen weniger als vier Prozent im Durchschnitt.

Ein Cockpit für den Durchschnittspiloten passte also keinem einzigen Piloten. Die Luftwaffe zog daraus die Konsequenz und verlangte verstellbare Sitze, Pedale und Gurte, die heute in jedem Auto selbstverständlich sind. Bekannt gemacht hat diese Geschichte der US-amerikanische Bildungsforscher Todd Rose, geboren 1974, der selbst die Highschool ohne Abschluss verließ, später in Harvard promovierte und dort das Laboratory for the Science of Individuality leitete. In „The End of Average“ von 2016 beschreibt er, dass Menschen in fast allen Merkmalen ein gezacktes Profil haben, mit Stärken und Schwächen, die sich nicht zu einem Mittelwert verrechnen lassen. Die Standards aus der Szene vom Anfang, der Achtstundentag, das Großraumbüro, die Morgenroutine, sind Cockpits für Durchschnittspiloten.

Georges Canguilhem: das Normale als Norm

Dass im Wort „normal“ zwei verschiedene Bedeutungen stecken, hat ein französischer Philosoph und Arzt herausgearbeitet. Georges Canguilhem (1904–1995) schrieb seine medizinische Doktorarbeit über das Normale und das Pathologische 1943, mitten im Krieg und während er im Widerstand gegen die deutsche Besatzung aktiv war. 1966 erschien sie stark erweitert als „Le normal et le pathologique“.

Canguilhem unterschied das statistisch Normale, also das Häufige, vom normativ Normalen, also dem, was sein soll. Im Alltag rutschen beide ständig ineinander: Was viele tun, wird zur Erwartung an alle. Gesundheit bestimmte er über die Fähigkeit eines Lebewesens, sich unter veränderten Bedingungen neue Normen zu geben und darin gut zu leben. Eine Abweichung vom Häufigen nannte er Anomalie, und eine Anomalie ist für Canguilhem noch lange keine Krankheit. Für den Wunsch, normal zu sein, folgt daraus eine erste Entlastung: Gesund ist nach Canguilhem, wer eine Lebensweise findet, die zu den eigenen Bedingungen passt, und eine Abweichung vom Häufigen ändert daran zunächst gar nichts. Ein Mensch, der abends am klarsten denkt, weicht vom Häufigen ab. Gesund im Sinne Canguilhems ist er, wenn er ein Leben findet, in dem dieser Rhythmus Platz hat.

Erving Goffman: die Normalen und die Arbeit am Eindruck

Ein kanadisch-amerikanischer Soziologe beschrieb wenig später, was im Alltag mit Menschen geschieht, die von der Erwartung abweichen. Erving Goffman (1922–1982) beobachtete das Verhalten von Menschen im Alltag so genau wie kaum ein Forscher vor ihm. In „The Presentation of Self in Everyday Life“, erstmals 1956 erschienen, zeigte er, dass alle Menschen im Umgang miteinander ständig an dem Eindruck arbeiten, den sie hinterlassen. 1963 folgte „Stigma“, auf Deutsch „Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität“.

Goffman nannte die Menschen, die von einer bestimmten Erwartung nicht abweichen, schlicht „die Normalen“. Allen anderen schrieb er eine von zwei Lagen zu. Wer sichtbar abweicht, etwa mit einer Behinderung, ist diskreditiert und muss mit den Reaktionen der anderen umgehen. Wer eine unsichtbare Abweichung hat, ist diskreditierbar: Er muss ständig entscheiden, was er von sich zeigt, wem er was erzählt und wie er verhindert, dass etwas auffliegt. Viele neurodivergente Erwachsene leben in dieser zweiten Lage. Goffman nannte das Verbergen passing, die deutsche Ausgabe übersetzt es mit Täuschen, und er beschrieb die stille Dauerarbeit, die es kostet: das Beobachten, das Vorausplanen, die Angst vor dem Moment der Entdeckung. In der Szene vom Anfang ist der Smalltalk, gelernt Vokabel für Vokabel, genau diese Arbeit. Je besser sie gelingt, desto unsichtbarer wird sie, für die anderen und mit der Zeit auch für einen selbst. Übrig bleibt eine Müdigkeit, deren Ursache niemand sieht.

Donald Winnicott: wahres und falsches Selbst

Woher die Fassade kommt, hat ein englischer Kinderarzt beschrieben. Donald Winnicott (1896–1971), Kinderarzt und Psychoanalytiker in London, hat in seinem Berufsleben Zehntausende Mütter mit ihren Babys gesehen. 1960 veröffentlichte er den Aufsatz „Ego Distortion in Terms of True and False Self“. Ein falsches Selbst entsteht nach Winnicott, wenn ein Kind erlebt, dass seine echten Impulse und Bedürfnisse bei seiner Umgebung immer wieder auf Ablehnung stoßen. Es baut dann eine angepasste Version von sich, die den Erwartungen entspricht und das wahre Selbst schützt, indem sie es verbirgt.

Winnicott war dabei bemerkenswert milde. Ein gesundes falsches Selbst kennt jeder: die Höflichkeit, mit der wir nicht jedem sofort sagen, was wir denken. Problematisch wird es, wenn die angepasste Version so viel Raum einnimmt, dass das wahre Selbst kaum noch Gelegenheit hat, zu leben. Dann funktioniert ein Mensch, oft sogar sehr gut, und fühlt sich nach innen hohl an. Genau diese Hohlheit beschreibt der zweite Grund oben.

Alice Miller: das Drama des begabten Kindes

Zwei Jahrzehnte später gab eine Psychoanalytikerin aus Zürich diesem Muster einen Titel, der Generationen von Lesern traf. Alice Miller (1923–2010), in Polen geboren, überlebte den Zweiten Weltkrieg in Warschau unter falscher Identität, studierte nach dem Krieg in der Schweiz und arbeitete dort als Psychoanalytikerin, bevor sie sich später von der Psychoanalyse lossagte. 1979 erschien „Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“.

Miller beschrieb Kinder mit besonders feinem Gespür für die Erwartungen der Erwachsenen, die sich so gut anpassen, dass sie den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen verlieren. Mit „begabt“ meinte sie diese Feinfühligkeit, also eine emotionale Begabung. Bei vielen hochbegabten, hochsensiblen und autistischen Menschen ist eine solche Feinfühligkeit aber besonders ausgeprägt. Das macht Millers Befund für sie so treffend: Die Fähigkeit, Erwartungen zu lesen, wird zum Werkzeug der eigenen Unsichtbarkeit. In der Szene vom Anfang ist das Abwarten im Meeting genau diese Fähigkeit: Du spürst, was erwartet wird, und lieferst es, verlässlich und unauffällig, während dein eigener Gedanke wartet.

Warum mehr Anstrengung die Schleife verstärkt

Aus den beiden Gründen und dem, was diese Denker beschrieben haben, ergibt sich eine Schleife, die viele Betroffene über Jahrzehnte nicht verlassen:

  1. Du merkst, dass du anders funktionierst, und deutest das als Defizit, gemessen an Quetelets Mittelwert.
  2. Du arbeitest an dir, um das Defizit zu beheben, und baust dabei an Winnicotts angepasster Version.
  3. Die Anpassung gelingt teilweise, kostet aber dauerhaft Kraft, die Goffman als stille Dauerarbeit beschrieben hat.
  4. In einer Belastungsphase bricht sie zusammen.
  5. Du deutest den Zusammenbruch als Beweis, dass du dich noch mehr anstrengen musst.

Jede Runde dieser Schleife verstärkt die Überzeugung, mit der sie begonnen hat: Ich bin falsch und muss repariert werden. Und jede Runde kostet Energie, die dann für alles andere fehlt, für Beziehungen, für Interessen, für Erholung. Die Antwort auf die Frage, ob du einfach zu schwach oder zu undiszipliniert bist, ist deshalb entlastend: Die Strategie selbst ist der Fehler. Wer ein Ziel verfolgt, das für das eigene Nervensystem strukturell unerreichbar ist, scheitert zwangsläufig, und zwar umso schmerzhafter, je mehr Mühe er hineinsteckt. Diese Schleife wirkt bei jedem, dessen Nervensystem anders arbeitet als der Durchschnitt, mit und ohne Gutachten.

Wo sich die Denker reiben

So gut diese Ansätze zusammenpassen, an vier Stellen ziehen sie in verschiedene Richtungen.

  1. Ist Anpassung krank? Goffman zeigte, dass alle Menschen ständig an ihrem Eindruck arbeiten, und Winnicott hielt ein gewisses Maß an falschem Selbst für gesund. Anpassung an sich ist also menschlich. Die Frage ist, wie viel sie kostet und ob neben ihr noch ein Leben aus dem wahren Selbst Platz hat.
  2. Statistik oder Wert? Quetelet machte den Durchschnitt zum Ideal. Canguilhem hielt dagegen, dass das Häufige nichts darüber aussagt, was für ein bestimmtes Lebewesen gut ist. Rose machte am Cockpit deutlich, dass der Durchschnitt schon als Maß versagt, bevor man ihn zum Ideal erhebt.
  3. Wie weit trägt der Gedanke der Neurodiversität? Die australische Soziologin Judy Singer, geboren 1951, beschrieb 1999 in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel „Why Can’t You Be Normal for Once in Your Life?“ neurologische Unterschiede als eigene Kategorie menschlicher Vielfalt und machte damit das Wort Neurodiversität bekannt. Ob sie es als Erste verwendete, ist umstritten; es entstand im Austausch autistischer Menschen in frühen Online-Foren. Kritische Stimmen wenden ein, der Gedanke passe gut zu Menschen, die im Alltag weitgehend zurechtkommen, und unterschätze den Unterstützungsbedarf anderer. Für die Frage nach dem Normalsein heißt das: Vielfalt anzuerkennen und Unterstützung anzunehmen schließen einander nicht aus.
  4. Ist Annehmen Resignation? Viele fürchten, wer sich annimmt, höre auf, sich zu entwickeln. Zwei Psychologinnen der University of California in Berkeley prüften das 2012 in vier Experimenten. Menschen, die nach einem Fehler oder einer Schwäche mit Selbstmitgefühl reagierten, waren danach stärker motiviert, sich zu verbessern, und lernten nach einem misslungenen Test länger. Die Befürchtung hat sich in diesen Versuchen umgekehrt.

Die Lösung: annehmen

Die Lösung, die dieser Text verspricht, lässt sich in einem Wort sagen: annehmen. Sie lässt sich aber leicht missverstehen.

Annehmen bedeutet, die eigene Bauweise als gegeben anzuerkennen, mit ihren Stärken und mit dem, was schwerfällt. Carl Rogers (1902–1987), US-amerikanischer Psychologe und Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie, hatte in Jahrzehnten therapeutischer Arbeit beobachtet, dass Klientinnen und Klienten sich gerade dann veränderten, wenn sie sich ohne Bewertung angenommen fühlten. Die Haltung, die das möglich macht, nannte er bedingungslose Wertschätzung. In seinem Buch „On Becoming a Person“ von 1961 hat er den Kern sinngemäß so gefasst: Das merkwürdige Paradox ist, dass ich mich ändern kann, wenn ich mich so annehme, wie ich bin.

Dieses Paradox lässt sich aus der Schleife oben herleiten. Solange jede Energie in die Reparatur fließt, bleibt für Veränderung, die zu dir passt, nichts übrig. Sobald du aufhörst, gegen deine Bauweise zu kämpfen, wird diese Energie frei. Canguilhem würde sagen: Erst dann kannst du dir eigene Normen geben. Viele Menschen beschreiben den ersten Moment danach als eine seltsame Stille, fast wie Langeweile, weil sie zum ersten Mal keinen Krieg gegen sich selbst führen. Danach kommt oft etwas, womit sie nicht gerechnet haben: Kraft. Die Experimente aus Berkeley zeigen im Kleinen dasselbe.

Annehmen lässt also Raum für Veränderung. Was sich verändert, ist ihre Richtung. Veränderung zielt dann auf Passung, auf Bedingungen, unter denen dein Nervensystem gut arbeitet, und auf Fähigkeiten, die dir selbst wichtig sind. Das Ziel, so zu werden wie Quetelets Durchschnittsmensch, fällt weg, und mit ihm die Messlatte, die bei jedem Fortschritt ein Stück höher rückt.

Auf dunklem Grund reicht eine Hand einer anderen einen rauen Stein mit einem eingeritzten Herz, zwischen beiden Händen ein gelbes Leuchten.
Annehmen (Teil III)

Wie man vom Reparieren ins Annehmen kommt, ist allerdings ein Weg, der Zeit braucht. Er führt durch Trauer über die verlorenen Jahre, durch das Auseinandersortieren dessen, was du bist, und dessen, was du über die Jahre gespielt hast, und durch eine Neubewertung der eigenen Geschichte. Im Programm „Du warst nie das Problem“ ist das die Phase Annehmen. Sie folgt auf das Aufwachen und das Lernen, also darauf, dass du dein eigenes Profil wirklich verstehst.

Normal sein loslassen: ein Leben, das passt

Ein Leben, das zu deinem Nervensystem passt, sieht vermutlich anders aus als das Leben deiner Kolleginnen, Nachbarn und Geschwister. Es hat vielleicht einen anderen Tagesrhythmus, andere Beziehungen, einen anderen Beruf. Das Ziel heißt Passung, und Passung lässt sich erreichen, so wie der verstellbare Sitz im Cockpit jedem Piloten passt.

Derselbe Januar kann auch anders verlaufen. Wieder liegt da der Gedanke an Vorsätze, wieder stehst du in der Buchhandlung vor dem Regal mit den Ratgebern. Diesmal greifst du nach dem Buch, das dich wirklich interessiert, und lässt das über Selbstdisziplin stehen. Als in der dritten Woche die Morgenroutine wackelt, nimmst du nüchtern zur Kenntnis, wie dein Rhythmus im Winter funktioniert, und der alte Satz bleibt still. Im Meeting sagst du etwas, wenn du etwas zu sagen hast. Erschöpft bist du manchmal immer noch. Die Erschöpfung hat aufgehört, ein Urteil über dich zu sein.

Erwachsene Neurodivergente gehen diesen Weg im rund zweijährigen Programm „Du warst nie das Problem“ in vier Phasen: Aufwachen, Lernen, Annehmen und Gestalten. Wer herausfinden möchte, ob das der passende Rahmen für die eigene Geschichte ist, kann auf dwndp.de ein Erstgespräch vereinbaren. Bis die Videos des Programms fertig sind, läuft eine Pilotphase zu einem deutlich reduzierten Preis.

Es reicht nie, weil die Messlatte nie für dich gebaut war.

Ab dem Moment, in dem du das annimmst, misst du mit deiner eigenen.


Quellen

  1. Breines, Juliana G.; Chen, Serena: Self-Compassion Increases Self-Improvement Motivation. Personality and Social Psychology Bulletin 38 (9), 2012, S. 1133–1143.
  2. Canguilhem, Georges: Le normal et le pathologique. Presses Universitaires de France, Paris 1966. Erstfassung als medizinische Dissertation: Essai sur quelques problèmes concernant le normal et le pathologique. Straßburg/Clermont-Ferrand 1943. Deutsch: Das Normale und das Pathologische. Hanser, München 1974.
  3. Daniels, Gilbert S.: The „Average Man“? Technical Note WCRD 53-7. Wright Air Development Center, Wright-Patterson Air Force Base, Ohio 1952.
  4. Goffman, Erving: The Presentation of Self in Everyday Life. University of Edinburgh, Social Sciences Research Centre, Edinburgh 1956; erweiterte Ausgabe Doubleday Anchor, Garden City 1959.
  5. Goffman, Erving: Stigma. Notes on the Management of Spoiled Identity. Prentice-Hall, Englewood Cliffs 1963. Deutsch: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967.
  6. Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979.
  7. Quetelet, Adolphe: Sur l’homme et le développement de ses facultés, ou Essai de physique sociale. Bachelier, Paris 1835.
  8. Rogers, Carl R.: On Becoming a Person. A Therapist’s View of Psychotherapy. Houghton Mifflin, Boston 1961. Deutsch: Entwicklung der Persönlichkeit. Klett, Stuttgart 1973.
  9. Rose, Todd: The End of Average. How We Succeed in a World That Values Sameness. HarperOne, New York 2016.
  10. Singer, Judy: „Why Can’t You Be Normal for Once in Your Life?“ From a „Problem with No Name“ to the Emergence of a New Category of Difference. In: Corker, Mairian; French, Sally (Hrsg.): Disability Discourse. Open University Press, Buckingham 1999, S. 59–67.
  11. Winnicott, Donald W.: Ego Distortion in Terms of True and False Self (1960). In: ders.: The Maturational Processes and the Facilitating Environment. Hogarth Press, London 1965, S. 140–152.