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Warum du dich alle paar Monate in ein neues Thema stürzt und trotzdem nichts zu Ende bringst

Von Holger Heinze · 26. Oktober 2026

Der Kreis der angefangenen Dinge

Dieser Text ist für dich, wenn du als Erwachsener bei dir ein wiederkehrendes Muster beobachtest und dich zunehmend fragst, ob du einfach anders funktionierst als die Menschen um dich herum. Die Beispiele kommen aus Hobbys, Weiterbildungen, Berufswegen und den Bücherstapeln neben dem Bett. Im Mittelpunkt steht die Scanner-Persönlichkeit, ein Begriff der US-amerikanischen Karriereberaterin und Autorin Barbara Sher (1935–2020) für Menschen, die sich immer wieder selbstständig neue Wissensgebiete erschließen. Der Artikel erzählt, was die Forschung über Neugier, Flow und Begabung herausgefunden hat, warum gerade hochbegabte und neurodivergente Menschen so lernen und wo sich die Fachleute bis heute widersprechen. Die Antwort lässt den eigenen Lebenslauf in einem anderen Licht erscheinen.

Im Januar war es Japanisch. Du hast dir ein Lehrbuch gekauft, eine App installiert, jeden Abend eine Stunde geübt und nach sechs Wochen die ersten Schriftzeichen gelesen. Im März kam die Fotografie dazu: Blende, Belichtungszeit, Bildaufbau, dazu drei Bücher über die Geschichte der Straßenfotografie. Im Mai hast du dich in Fermentation verbissen, im Sommer in Astronomie. Jedes Mal hattest du das Gefühl: Das ist es jetzt. Jedes Mal bist du in kurzer Zeit erstaunlich tief hineingekommen.

Und jedes Mal kam der Moment, an dem die Luft raus war. Das Japanischbuch liegt seit Monaten unter dem Bett. Die Kamera steht im Schrank. Auf deinem Rechner gibt es einen Ordner mit dem Namen „Projekte“, in dem zwölf angefangene Ideen schlafen.

Dazu kommt die Stimme, die du seit der Schulzeit kennst: Du fängst immer alles an und bringst nichts zu Ende. Aus dir hätte so viel werden können, wenn du dich nur mal entscheiden würdest.

Scanner-Persönlichkeit: ein Name für ein Muster

Barbara Sher war eine US-amerikanische Karriereberaterin und Bestsellerautorin. 1976 gründete sie ihre ersten Success Teams, kleine Gruppen, in denen sich Menschen gegenseitig helfen, ihre Vorhaben umzusetzen. Über Jahrzehnte begegneten ihr in diesen Gruppen und in ihren Workshops Menschen, die mit genau dem Muster aus der Szene zu ihr kamen und sich für gescheitert hielten. Sher beobachtete an ihnen eine auffallende Neugier, ein hohes Lerntempo und eine wachsende Unruhe, sobald sich ein Thema erschöpft anfühlte.

2006 veröffentlichte sie dazu das Buch „Refuse to Choose!“, das auf Deutsch unter dem Titel „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast“ erschienen ist. Darin nennt sie diese Menschen Scanner, nach dem Bild eines Blicks, der über eine Landschaft streicht und alles erfassen will, was dort liegt. Sher unterschied zwei große Gruppen:

  • Zyklische Scanner kehren in Abständen zu ihren Lieblingsthemen zurück, oft über viele Jahre, und finden jedes Mal einen neuen Zugang.
  • Sequenzielle Scanner tauchen tief in ein Gebiet ein, erschöpfen es für sich und ziehen weiter, meist ohne zurückzuschauen.

Innerhalb dieser Gruppen beschrieb sie zahlreiche Spielarten, etwa Menschen, die mehrere Interessen gleichzeitig am Laufen halten. Gemeinsam ist allen eine intensive Neugier, eine schnelle Auffassungsgabe und eine tiefe Unlust an Eintönigkeit. In der Szene vom Anfang ist das Muster sequenziell: Japanisch, Fotografie, Fermentation, Astronomie, jedes Thema ein eigenes Kapitel.

Wichtig ist, woher der Begriff stammt. Sher kam aus der Praxis, ihre Einsichten stammen aus Workshops und Gruppen. Die Scanner-Persönlichkeit ist deshalb ein Begriff aus der Beratungssprache. Er beschreibt ein Muster des Lernens und Interessierens und gibt einem Verhalten einen Namen, das lange als Schwäche galt. Eine Diagnose stellt er nicht dar, und Sher hat das auch nie beansprucht. Warum dieses Muster entsteht, erklärt sie nur am Rand. Dafür lohnt der Blick in die Forschung über Neugier und Begabung.

Warum dein Interesse abreißt, sobald du etwas verstanden hast

Das Muster hat mehrere Wurzeln. Den Kern, nämlich warum die Begeisterung so heftig beginnt und warum sie dann so abrupt endet, machen zwei Zusammenhänge verständlich.

Erstens: Deine Belohnung liegt im Verstehen

Neugier fühlt sich an wie ein Sog, und dieser Sog hat eine Richtung. Er zieht zu der Stelle, an der etwas noch nicht verstanden ist. Ein neues Gebiet bietet davon unendlich viele: Wie ist diese Sprache gebaut? Warum hat ein Foto mit offener Blende diesen weichen Hintergrund? Was genau passiert im Gärglas? Jede beantwortete Frage öffnet zwei neue. Diese Phase bringt Freude in großen Mengen, weil fast alles neu ist und sich Zusammenhänge im Wochentakt erschließen.

Irgendwann ist das Prinzip durchschaut. Was danach kommt, ist Übung, Wiederholung, Verfeinerung: die tausendste Vokabel, das zwanzigste Foto vom selben Motiv. Für viele Menschen ist genau diese Phase befriedigend, weil sie Können, Sicherheit und Gemeinschaft mit anderen Übenden bringt. Für einen Scanner fällt hier die Belohnung weg, um die es ihm eigentlich ging. Man könnte es so zusammenfassen: Ein Scanner hört auf, wenn er bekommen hat, wofür er gekommen ist.

Damit verschiebt sich die Frage, was „zu Ende bringen“ bedeutet. Gemessen am Lehrbuch ist dein Japanisch unvollendet. Gemessen an deiner eigenen Frage ist es abgeschlossen: Du hast verstanden, wie diese Sprache gebaut ist, wie die Schriftzeichen funktionieren und wie anders das Denken in ihr läuft. Dein Ziel war erreicht. Es war nur nie das Ziel, das alle anderen dir unterstellt haben.

Zweitens: Du erreichst das Plateau früher

Der zweite Grund betrifft vor allem hochbegabte Menschen. Hohe kognitive Begabung bedeutet unter anderem, dass neues Wissen rasch aufgenommen, verknüpft und durchdrungen wird. Ein hochbegabter Scanner erarbeitet sich die Grundprinzipien eines Gebiets deshalb oft in wenigen Wochen. Dazu kommt bei vielen ein starker, fast drängender Hunger nach Verstehen, nach Logik und nach neuen Fragen.

Beides zusammen ergibt eine Dynamik, die sich Schritt für Schritt herleiten lässt:

  1. Ein neues Thema stillt den Wissenshunger zunächst gewaltig.
  2. Wegen der hohen Lerngeschwindigkeit ist die Phase des großen Verstehens, die Durchdringung, bald durchlaufen.
  3. Danach folgt ein Plateau, auf dem es nur noch kleine Fortschritte gibt.
  4. Auf diesem Plateau entsteht Unterforderung, und Unterforderung fühlt sich für ein solches Gehirn wie Leere an.
  5. Der Hunger sucht sich das nächste Thema.

Im Rückblick auf die Szene heißt das: Der Moment im März, in dem das Japanischbuch unter das Bett wanderte, war der Moment, in dem dein Kopf auf dem Plateau ankam. Für dich gab es dort nichts mehr zu holen, also ist er weitergezogen.

Eine Person sitzt abends am Schreibtisch über einem aufgeschlagenen Lehrbuch. Über ihrem Kopf schwebt ein großes, fast fertiges Puzzle, in das gerade das letzte, gelbe Teil einrastet. Im Regal hinter ihr stehen grau eine Kamera, ein Gärglas und ein Fernrohr.
Das letzte Puzzleteil

Grundlagen: Was die Forschung über Neugier, Flow und die Scanner-Persönlichkeit weiß

Dass ein Mensch Wissen um seiner selbst willen sucht, ist eine alte Beobachtung. Erforscht wird Neugier aber erst seit etwa siebzig Jahren, und die Geschichte dieser Forschung führt von einem britischen Psychologen in Schottland über einen Ökonomen in Pittsburgh und einen ungarischen Glücksforscher in Chicago zu einem polnischen Psychiater und schließlich in die Beratungspraxis. Wer sie kennt, versteht, warum der Satz „Du bringst nichts zu Ende“ an deinem Muster vorbeigeht.

Daniel Berlyne: Neugier als eigener Antrieb

Lange galt Neugier in der Psychologie als Nebenprodukt. Die Lerntheorien der ersten Jahrhunderthälfte erklärten Verhalten über Hunger, Durst und Belohnung von außen. Dass Menschen und Tiere sich auch dann mit Neuem beschäftigen, wenn es nichts zu essen gibt, passte schlecht in dieses Bild. Daniel Berlyne (1924–1976), britisch-kanadischer Psychologe, der in Schottland und Boston forschte und ab 1962 als Professor an der University of Toronto lehrte, machte daraus sein Lebensthema.

1954 veröffentlichte er im British Journal of Psychology „A Theory of Human Curiosity“, 1960 folgte das Buch „Conflict, Arousal, and Curiosity“. Berlyne unterschied darin zwei Begriffspaare, die bis heute verwendet werden:

  • Wahrnehmungsneugier und Wissensneugier. Die eine richtet sich auf neue Reize, ein ungewohntes Geräusch, ein fremdes Muster. Die andere richtet sich auf Wissen, auf Fragen, Begriffe und Erklärungen. Berlyne nannte sie epistemische Neugier.
  • Spezifische und streuende Neugier. Spezifische Neugier will eine bestimmte Lücke schließen. Streuende Neugier sucht Abwechslung, weil das Gleichbleibende ermüdet.

Ein Scanner kennt beide Formen. Die spezifische Neugier trägt ihn tief in ein Thema hinein, die streuende Neugier treibt ihn hinaus, sobald das Thema gleichförmig wird. Berlyne lieferte damit die Grundlage für alles, was folgte: Neugier ist ein eigener Antrieb mit eigener Logik.

George Loewenstein: die Informationslücke

Vierzig Jahre später fasste ein Ökonom die verstreute Forschung zu einer Theorie zusammen. George Loewenstein, geboren 1955, US-amerikanischer Ökonom und Psychologe an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh und einer der Begründer der Verhaltensökonomie, veröffentlichte 1994 im Psychological Bulletin den Aufsatz „The Psychology of Curiosity“.

Seine Theorie der Informationslücke lässt sich in drei Schritten herleiten. Neugier entsteht erstens erst, wenn wir eine Lücke bemerken zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir wissen möchten. Wer von einem Thema gar nichts weiß, ist selten neugierig darauf, weil er die Lücke nicht sieht. Zweitens fühlt sich diese Lücke unangenehm und zugleich anziehend an, ähnlich wie ein Juckreiz oder ein Wort, das einem auf der Zunge liegt. Drittens verschwindet der Antrieb, sobald die Lücke geschlossen ist. Neugier löscht sich also selbst aus, indem sie befriedigt wird.

2009 prüfte ein Team um Loewenstein und Verhaltensökonomen des California Institute of Technology diese Idee im Hirnscanner. Die Versuchspersonen lasen Quizfragen, gaben an, wie neugierig sie auf die Antwort waren und wie sicher sie sich ihrer eigenen Vermutung fühlten. Zwei Befunde sind für Scanner aufschlussreich. Die Neugier war am größten, wenn sich die Teilnehmenden ungefähr zur Hälfte sicher waren, also weder ahnungslos noch bereits wissend. Und während sie neugierig waren, arbeiteten Hirnregionen, die sonst auf erwartete Belohnungen reagieren. Ein Forschungsteam der University of California in Davis zeigte 2014, dass Neugier auch das Gedächtnis stärkt, und zwar über das Belohnungssystem im Mittelhirn und den Hippocampus.

Zurück zum Japanischbuch: Im Januar warst du auf einer Skala des Wissens weit unten, die Lücke war riesig und gut sichtbar. Im Februar lag sie genau in jenem mittleren Bereich, in dem Neugier am stärksten wirkt. Im März war das Prinzip verstanden. Die Lücke war klein geworden, und mit ihr verschwand die Belohnung.

Mihaly Csikszentmihalyi: Flow und die Langeweile danach

Aus einer ganz anderen Richtung kam ein Forscher, der wissen wollte, wann Menschen bei ihrer Tätigkeit glücklich sind. Mihaly Csikszentmihalyi (1934–2021), ungarisch-amerikanischer Psychologe, der lange an der University of Chicago lehrte, befragte Schachspieler, Kletterer, Chirurgen und Tänzer. Viele beschrieben denselben Zustand: völlige Vertiefung, ein Verschwinden des Zeitgefühls, eine Tätigkeit, die sich von selbst trägt. Csikszentmihalyi nannte ihn Flow und beschrieb ihn 1975 in „Beyond Boredom and Anxiety“.

Sein Modell hat zwei Achsen: die Herausforderung einer Aufgabe und das Können der Person. Flow entsteht in einem schmalen Kanal, in dem beide zueinander passen. Ist die Herausforderung zu groß, entsteht Angst. Ist das Können zu groß, entsteht Langeweile. Der Kanal wandert: Wer übt, wird besser, und dieselbe Aufgabe rutscht mit der Zeit aus dem Flow in die Langeweile. Um im Flow zu bleiben, muss die Herausforderung mitwachsen.

Für einen Scanner erklärt dieses Modell den Moment des Abbruchs ohne jeden Vorwurf. Wer im Verstehen gut ist, wächst in der Anfangsphase eines Themas in großen Sprüngen. Die Herausforderung, die das Thema als Nächstes bietet, ist aber Übung und Wiederholung, also eine Herausforderung für Ausdauer und Fingerfertigkeit. Für die Fähigkeit, mit der du angetreten bist, das Durchschauen von Zusammenhängen, wird das Thema leicht. Du landest in der Zone, die Csikszentmihalyi Langeweile nannte, während andere auf demselben Stand noch im Flow sind.

Kazimierz Dąbrowski: der Hunger nach Verstehen

Woher dieser Hunger nach immer neuen Fragen kommt, hat ein polnischer Psychiater beschrieben, dessen Werk erst auf Umwegen in die Begabungsforschung fand. Kazimierz Dąbrowski (1902–1980), Psychiater und Psychologe, erlebte als Arzt die deutsche Besatzung Polens, geriet später unter der kommunistischen Regierung in Haft und lehrte ab den 1960er Jahren in Kanada. In seiner Theorie der positiven Desintegration, ausgearbeitet unter anderem in „Positive Disintegration“ von 1964, beschrieb er fünf Formen der Übererregbarkeit: eine psychomotorische, eine sinnliche, eine intellektuelle, eine imaginative und eine emotionale.

Die intellektuelle Übererregbarkeit beschreibt einen starken, oft drängenden Wunsch, zu verstehen, zu analysieren und Fragen zu stellen, die über das Nötige hinausgehen. Menschen mit dieser Ausprägung lesen Anleitungen bis zum Ende, wollen wissen, warum eine Regel gilt, und halten offene Widersprüche schwer aus.

Den Weg in die Hochbegabtenforschung bahnte 1979 sein Schüler und Mitarbeiter Michael Piechowski, geboren 1933, ein polnisch-amerikanischer Psychologe. Seither gehört das Konzept der Übererregbarkeiten zum festen Vokabular der Begabungsberatung. Für die Szene vom Anfang liefert es den Antrieb hinter dem Tempo: Wer diesen Hunger hat, sucht nach dem Plateau sofort die nächste Lücke, weil sein Kopf ohne offene Frage nicht zur Ruhe kommt.

Von der Beratungspraxis zur Vielbegabung

Ungefähr zur selben Zeit, als Piechowski Dąbrowski in die Begabungsforschung holte, beschrieben Berufsberater in der Hochbegabtenförderung ein Problem ihrer Klientel. Anfang der 1970er Jahre prägten sie den Begriff der Multipotentialität für junge Menschen, die in vielen Gebieten Hervorragendes leisten könnten und sich deshalb mit der Berufswahl schwertun. Im Deutschen ist heute meist von Vielbegabung die Rede.

Barbara Sher griff dieses Thema drei Jahrzehnte später auf, mit einer Wendung, die ihr Buch so erfolgreich machte. Sie beschrieb die Vielfalt als Bauweise eines Menschen und stellte eine neue Frage in den Mittelpunkt: wie ein Leben aussieht, das viele Interessen tragen kann. Eine kanadische Autorin machte daraus 2015 mit einem vielgesehenen TEDx-Vortrag und 2017 mit dem Buch „How to Be Everything“ den Begriff Multipotentialite populär.

2019 lieferte der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist David Epstein, geboren 1980, mit „Range“ die bislang einflussreichste Verteidigung der Breite. Er stellt darin den Lebenswegen von Wunderkindern, die früh auf eine Sache festgelegt wurden, die Biografien von Menschen gegenüber, die lange vieles ausprobierten und sich spät spezialisierten. Epstein stützt sich unter anderem auf die Prognoseforschung des Psychologen und Politikwissenschaftlers Philip Tetlock, geboren 1954, der gezeigt hatte, dass Fachleute mit breitem Blick politische Entwicklungen treffsicherer vorhersagten als Fachleute, die alles aus einer einzigen großen Idee erklärten. Epsteins Schluss: In unübersichtlichen, sich wandelnden Feldern haben Menschen mit Erfahrung in vielen Gebieten Vorteile, weil sie Lösungen aus einem Bereich in einen anderen übertragen.

Wo sich die Forschung widerspricht

So einleuchtend das alles klingt, an vier Stellen reiben sich die Befunde, und wer sein Muster verstehen will, sollte diese Stellen kennen.

  1. Gibt es Vielbegabung überhaupt so häufig? 1997 prüften Forschende der Iowa State University die Annahme an Hunderten mathematisch hochbegabter Jugendlicher aus einer Langzeitstudie. Gleichmäßig hohe Profile in Fähigkeiten, Interessen und Werten fanden sie bei weniger als fünf Prozent. Die meisten Hochbegabten hatten deutliche Schwerpunkte. Ihr Schluss: Die Multipotentialität sei vielfach ein Messeffekt gewesen, weil die früheren Tests für diese Jugendlichen zu leicht waren.
  2. Breite oder Ausdauer? Die US-amerikanische Psychologin Angela Duckworth, geboren 1970, Professorin an der University of Pennsylvania, beschrieb 2016 in „Grit“ die Verbindung von Leidenschaft und Beharrlichkeit für langfristige Ziele als Kern herausragender Leistung. Sie baut auf der Expertiseforschung des schwedischen Psychologen K. Anders Ericsson (1947–2020) auf, der 1993 mit Kollegen an Geigenstudierenden einer Berliner Musikhochschule zeigte, wie stark Spitzenleistung mit jahrelangem, gezieltem Üben zusammenhängt. Epstein und Duckworth haben ihre Positionen 2021 auf einem Podium der University of Pennsylvania miteinander diskutiert. Beide haben Belege, und beide beschreiben verschiedene Felder: Ericssons Geigerinnen spielen nach festen Regeln, Epsteins Generalisten bewegen sich in Feldern, deren Regeln sich ständig ändern.
  3. Wie eng hängen Übererregbarkeit und Begabung zusammen? Meta-Analysen finden Unterschiede zwischen hochbegabten und anderen Menschen am deutlichsten bei der intellektuellen Übererregbarkeit, und auch dort in moderatem Ausmaß; bei den übrigen Formen fallen sie kleiner oder uneinheitlich aus. Das Konzept beschreibt eine Tendenz, die bei vielen Hochbegabten auftritt und bei manchen fehlt.
  4. Wie wissenschaftlich ist der Scanner? Die Neugierforschung erklärt den Mechanismus, die Begabungsforschung das Tempo. Systematische Studien zum Typus selbst gibt es bislang kaum; der Begriff bleibt ein Werkzeug der Beratung.

Was bleibt nach diesem Abgleich? Die Mechanik ist gut belegt: Neugier lebt von der Lücke, Flow verlangt mitwachsende Herausforderung, und wer zügig versteht, erreicht das Plateau eher. Offen ist, wie viele Menschen dieses Muster in Reinform leben. Für dich zählt vor allem die Frage, ob du die Mechanik bei dir wiederfindest.

Scanner, Hochbegabung und ADHS: was zusammenhängt

Die Scanner-Persönlichkeit hat Berührungspunkte mit mehreren Formen von Neurodivergenz. Drei Abgrenzungen helfen beim Einordnen:

  • Hochbegabung liefert die Geschwindigkeit, mit der Themen durchdrungen werden, und oft den Hunger nach intellektueller Herausforderung.
  • ADHS liefert häufig ein starkes Bedürfnis nach Neuem und Stimulation. Neues aktiviert das Belohnungssystem, Gewohntes verliert bald seinen Reiz.
  • Die Scanner-Persönlichkeit beschreibt das Verhaltensmuster, das daraus entstehen kann. Sie kommt auch bei Menschen ohne diese Profile vor.

Ob du dich Scanner nennst, ob du hochbegabt bist oder ADHS hast, musst du nicht schwarz auf weiß haben, um dein Muster zu verstehen. Entscheidend ist, dass du die Mechanik aus Lücke, Plateau und Weiterziehen bei dir wiedererkennst.

Viele Scanner tragen zusätzlich eine Last, die mit dem Muster selbst wenig zu tun hat: das Urteil der anderen. Schule, Berufsberatung und Karrierewege sind auf eine Laufbahn ausgelegt. Die Frage „Was willst du werden?“ setzt voraus, dass es eine Antwort gibt. Wer fünf Antworten hat, je nach Wochentag, hört früh, er sei sprunghaft, unentschlossen oder oberflächlich. Irgendwann glaubt er es selbst. Dabei steckt in der Breite genau die Fähigkeit, die Epstein beschreibt: Wer viele Gebiete kennt, sieht Verbindungen zwischen ihnen und versteht leicht, wie unterschiedliche Fachleute denken.

Was sonst noch hineinspielt

Die Belohnung im Verstehen und das frühe Plateau sind zwei Gründe. Im Programm „Du warst nie das Problem“ schauen wir mit den Teilnehmenden auch auf die anderen: auf das Stimulationsbedürfnis bei ADHS, auf den Perfektionismus, der manches Projekt kurz vor dem Ziel stoppt, und auf die gesellschaftliche Erzählung von der einen großen Berufung, die so viele Scanner unglücklich macht.

Was eine Scanner-Persönlichkeit zum Leben braucht

Du wirst vermutlich nie der Mensch sein, der dreißig Jahre lang dasselbe tut und dabei zufrieden ist. Das muss auch niemand. Die spannendere Frage ist, wie ein Leben aussieht, in dem deine Art zu lernen Platz hat, beruflich wie privat, und wie der Satz „Ich bringe nichts zu Ende“ einer ehrlicheren Beschreibung weicht.

Wie sich das anfühlen kann, zeigt derselbe März mit einem anderen Ausgang. Das Japanischbuch wandert wieder unter das Bett, die Stimme aus der Schulzeit meldet sich wie immer. Diesmal antwortest du ihr mit einem ruhigen Satz: Diese Frage ist beantwortet. Beim Abendessen fragt eine Freundin, ob du eigentlich noch Japanisch lernst, und du erzählst ohne Entschuldigung, was du über die Schriftzeichen herausgefunden hast und warum dich das Thema gerade nicht mehr ruft. Als im Mai das Gärglas auf der Fensterbank steht, freust du dich auf die neue Lücke, und das schlechte Gewissen bleibt aus. Der Ordner „Projekte“ ist derselbe. Du schaust anders hinein.

Damit beschäftigen sich erwachsene Neurodivergente im rund zweijährigen Programm „Du warst nie das Problem“, das in vier Phasen verläuft: Aufwachen, Lernen, Annehmen und Gestalten. Zuerst geht es um das Verstehen des eigenen Profils, später um die Gestaltung eines Lebensentwurfs, der dazu passt. Ob das Programm für dich das Richtige ist, finden wir in einem Erstgespräch heraus, das du über dwndp.de vereinbaren kannst. Noch läuft die Pilotphase zu einem deutlich reduzierten Preis, bis die Videos des Programms fertig sind.

Du hast bekommen, wofür du gekommen bist.

Dass die anderen ein anderes Ziel erwartet haben, ist ihre Rechnung.


Quellen

  1. Achter, John A.; Benbow, Camilla Persson; Lubinski, David: Rethinking Multipotentiality Among the Intellectually Gifted: A Critical Review and Recommendations. Gifted Child Quarterly 41 (1), 1997, S. 5–15.
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  3. Berlyne, Daniel E.: Conflict, Arousal, and Curiosity. McGraw-Hill, New York 1960.
  4. Csikszentmihalyi, Mihaly: Beyond Boredom and Anxiety. Jossey-Bass, San Francisco 1975.
  5. Dąbrowski, Kazimierz: Positive Disintegration. Little, Brown, Boston 1964.
  6. Duckworth, Angela: Grit. The Power of Passion and Perseverance. Scribner, New York 2016.
  7. Epstein, David: Range. Why Generalists Triumph in a Specialized World. Riverhead Books, New York 2019.
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  13. Sher, Barbara: Refuse to Choose! A Revolutionary Program for Doing Everything That You Love. Rodale, Emmaus 2006. Deutsch: Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast. Taschenbuchausgabe dtv, München 2016.
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