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Wusstest du, dass viele Hochbegabte kaum Erinnerungen an ihre Kindheit haben?

Dieser Text ist für Erwachsene geschrieben, die gerade anfangen, sich ernsthaft zu fragen, warum sie so anders sind als die Menschen um sie herum: warum sie anecken, warum vieles so anstrengend ist und warum ihnen manchmal ganze Teile ihrer eigenen Geschichte fehlen. Die Beispiele stammen aus dem Familien- und Freundeskreis, aus Klassentreffen und Gesprächen über früher. Mit „neurodivergent“ sind Menschen gemeint, deren Gehirn anders arbeitet als der Durchschnitt, etwa bei Hochbegabung, ADHS oder Autismus. Der Artikel erzählt, was die Gedächtnisforschung seit Sigmund Freud über fehlende Kindheitserinnerungen herausgefunden hat, was Stresshormone mit dem Gedächtnis machen und warum Erinnerungen im Gespräch entstehen. Wer ihn liest, versteht danach, warum es von den Bedingungen deines Aufwachsens erzählt, wenn du kaum oder keine Kindheitserinnerungen hast, und warum der Satz „Ich habe ein schlechtes Gedächtnis“ zu kurz greift.
Beim Abendessen mit alten Schulfreunden fällt der Name eines Lehrers. Sofort geht es los: die Klassenfahrt nach Berlin, der Abend in der Jugendherberge, der Streich mit dem Feueralarm. Drei Leute ergänzen sich, lachen, korrigieren einander bei Details. Du sitzt dabei und lächelst mit. Du warst auf dieser Klassenfahrt, das weißt du. Es gibt sogar ein Foto. In deinem Kopf ist an dieser Stelle aber nichts. Keine Jugendherberge, kein Feueralarm, kein Gesicht dieses Lehrers.
Irgendwann sagt jemand: „Du warst doch auch dabei!“ Und du sagst den Satz, den du seit Jahren sagst: „Ich habe ein furchtbar schlechtes Gedächtnis.“
Der Satz ist bequem, und er stimmt bei genauer Betrachtung kaum. Du merkst dir Fachbegriffe nach einmaligem Lesen. Du weißt, wie die Straße hieß, in der du mit acht gewohnt hast, wann ihr umgezogen seid und welche Note du in Mathe hattest. Dein Gedächtnis für Fakten, Systeme und Zusammenhänge ist gut, oft sogar auffallend gut. Was fehlt, sind die Szenen: wie sich ein Sonntagmorgen angefühlt hat, die Stimmung am Frühstückstisch, das Gefühl, ein Kind gewesen zu sein.
Keine Kindheitserinnerungen: ein Muster mit System
Dass Erwachsene sich an ihre ersten Lebensjahre kaum erinnern, ist normal. Die Psychologie nennt das infantile Amnesie, sie betrifft bei fast allen Menschen etwa die ersten drei bis vier Jahre. In Gesprächen mit hochbegabten und neurodivergenten Erwachsenen taucht aber ein anderes Muster auf, und es taucht so oft auf, dass es sich lohnt, genauer hinzusehen:
- Die Lücken reichen weit über das Kleinkindalter hinaus, manchmal bis in die Jugend.
- Sie betreffen vor allem das Erleben, also Gefühle, Stimmungen, Begegnungen.
- Fakten und Daten bleiben erstaunlich gut erhalten.
- Dazwischen gibt es einzelne Inseln, an die du dich gestochen scharf erinnerst.
- Manchmal reicht ein Geruch, etwa Linoleum oder Kreide, und eine Welle von Gefühl überrollt dich, ohne dass ein Bild dazu auftaucht.
Ein schlechtes Gedächtnis würde gleichmäßig Lücken produzieren. Es würde Telefonnummern verlieren und Straßennamen und den Namen der Kollegin von letzter Woche. Das Muster, das hier auftaucht, folgt einer sehr genauen Auswahl, und eine Auswahl setzt voraus, dass etwas ausgewählt hat.

Für dieses Muster gibt es fünf Gründe, die zusammenwirken. Zwei davon erkläre ich hier ausführlich, weil sie die Grundlage für alles Weitere bilden. Danach geht es in die Forschung: wer diese Gründe entdeckt hat, aus welchem Anlass, und wo die Fachleute bis heute miteinander streiten.
Grund 1: Dein Gehirn hat unter Dauerstress gespeichert
Damit aus einem Erlebnis eine Erinnerung wird, die du Jahre später abrufen kannst, muss das Gehirn sie festigen. Die wichtigste Struktur dafür ist der Hippocampus, ein kleines, gebogenes Areal tief im Schläfenlappen. Er sortiert Erlebtes ein, versieht es mit Ort und Zeit und übergibt es an das Langzeitgedächtnis.
Der Hippocampus reagiert empfindlich auf Stresshormone, vor allem auf Cortisol. Ein kurzer Schreck schärft das Gedächtnis, deshalb weißt du vermutlich noch genau, wo du warst, als du von einem Unfall in der Familie erfahren hast. Anhaltender Stress mit dauerhaft erhöhtem Cortisol beeinträchtigt dagegen die Arbeit des Hippocampus. Wie es zu diesem Befund kam, erzählt der Grundlagen-Teil weiter unten.
Bessel van der Kolk, geboren 1943, niederländisch-amerikanischer Psychiater und Autor des Buchs „Verkörperter Schrecken“ (im Original „The Body Keeps the Score“, 2014), beschreibt die Folge für das Gedächtnis: Belastende Erfahrungen werden anders abgelegt als neutrale. Sie landen fragmentiert, ohne zeitliche Ordnung, oft als sensorische Bruchstücke. Das würde die Gerüche erklären, die dich überfallen, während das Bild dazu fehlt. Der Körper hat gespeichert, das erzählende Gedächtnis hat es kaum.
Jetzt die entscheidende Frage: Warum sollte ein Kind, dem objektiv nichts Schlimmes passiert ist, unter Dauerstress gestanden haben?
Die Antwort liegt im Alltag, den Erwachsene für harmlos halten. Ein hochbegabtes oder neurodivergentes Kind sitzt jeden Tag in einer Umgebung, die auf die Bedürfnisse der meisten anderen Kinder zugeschnitten ist:
- Neonröhren, die flackern, und eine Pausenhalle mit hundert Stimmen.
- Unterricht, der kognitiv unterfordert, während das Soziale ständig überfordert.
- Regeln, die nirgends aufgeschrieben sind und die alle anderen offenbar einfach können.
- Die permanente Frage, wie man gerade wirkt.
Für sich genommen ist jeder dieser Punkte ein normaler Schultag. Zusammen ergeben sie eine Belastung, die nie abklingt, weil sie jeden Morgen um acht von vorn beginnt. Das Nervensystem bleibt in Habachtstellung. Es investiert in das, was für den Tag gebraucht wird: wachsam bleiben, mitspielen, durchhalten. Für das sorgfältige Abspeichern von Szenen bleibt wenig übrig.
Grund 2: Niemand hat mit dir über dein Erleben gesprochen
Der zweite Grund ist leiser, und er wird fast immer übersehen. Erinnerungen entstehen auch im Gespräch.
Kinder, deren Eltern ausführlich mit ihnen über Erlebtes sprechen, erinnern sich später an mehr und erzählen zusammenhängender. Die Entwicklungspsychologie nennt diesen Gesprächsstil elaboratives Erinnern. Die Erwachsenen fragen nach, greifen Gefühle auf, ordnen ein: „Weißt du noch, wie aufgeregt du am Bahnhof warst? Was war da los?“ Durch solche Gespräche wird ein Erlebnis mehrfach aufgerufen, mit Bedeutung versehen und in eine Geschichte eingebaut. Genau diese Wiederholung festigt die Erinnerung.
Jetzt stell dir ein Kind vor, dessen Erleben in der Familie schlicht unsichtbar ist. Nach dem Kindergeburtstag sehen die Erwachsenen ein quengeliges Kind, und dass es erschöpft ist, fällt niemandem auf. Die Verzweiflung über eine ungerechte Lehrerin heißt „Du bist mal wieder empfindlich“. Der Tag, an dem du verstanden hast, dass die anderen Kinder etwas Soziales können, das dir fehlt, kommt in keinem Gespräch vor, weil niemand davon weiß.
Ein solches Kind macht zwei Erfahrungen zugleich:
- Was es erlebt, wird von außen nie bestätigt. Es gibt niemanden, der sagt: „Das war heute viel für dich.“
- Was es erlebt, wird nie erzählt und deshalb nie wieder aufgerufen.
Das Ergebnis lässt sich vorhersagen. Es bleiben Fakten, über die gesprochen wurde: Schulwechsel, Noten, Umzüge. Und es fehlen die Szenen, über die nie jemand gesprochen hat. Vielleicht kennst du auch die Kehrseite: Wenn du heute über deine Kindheit sprichst, sagst du „Es war eigentlich ganz normal“, und gleichzeitig weißt du irgendwo, dass das so nicht stimmt. Dieses Missverhältnis zwischen vagem Wissen und fehlenden Bildern gehört zu den typischsten Kennzeichen.
Grundlagen: Warum du keine Kindheitserinnerungen hast, obwohl dein Gedächtnis gut ist
Die beiden Gründe klingen plausibel, und Plausibilität allein reicht nicht. Deshalb lohnt sich der Blick darauf, woher dieses Wissen stammt. Die Geschichte beginnt in einer Wiener Arztpraxis um 1900, führt über ein Labor in Toronto und eines in New York zu Entwicklungspsychologinnen, die Mütter und Kinder beim Erzählen beobachtet haben, und endet bei einem Streit, der als „Memory Wars“ in die Geschichte der Psychologie eingegangen ist.
Sigmund Freud und die Entdeckung der infantilen Amnesie
Dass Erwachsene ihre frühe Kindheit vergessen, fiel Psychologen schon Ende des 19. Jahrhunderts in Fragebogenstudien auf. Einen Namen und eine Theorie bekam das Phänomen durch Sigmund Freud (1856–1939), den österreichischen Neurologen und Begründer der Psychoanalyse. In den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von 1905 beschrieb er die „infantile Amnesie“, eine eigentümliche Erinnerungslücke, die den meisten Menschen die ersten Jahre bis etwa zum sechsten oder achten Lebensjahr verhülle. Freud wunderte sich darüber, weil Kinder in diesen Jahren lebhaft fühlen, denken und lieben. Er erklärte die Lücke mit Verdrängung: Das Bewusstsein schiebe frühe Erlebnisse beiseite, weil sie mit verbotenen Wünschen verknüpft seien.
Freuds Erklärung hat der experimentellen Prüfung kaum standgehalten. Seine Beobachtung dagegen ist geblieben, und sie enthält eine Frage, die für dich wichtig ist: Ein Gedächtnis kann gut funktionieren und trotzdem ganze Abschnitte des eigenen Lebens unzugänglich halten. Freud sah darin ein Rätsel, das nach einer Erklärung verlangt. Genau diese Haltung lohnt sich auch für deine Lücken, die weit über das hinausreichen, was Freud beschrieben hat.
Endel Tulving: Wissen, dass etwas war, und es wiedererleben
Die wichtigste Unterscheidung für das Muster am Tisch stammt von Endel Tulving (1927–2023), einem estnisch-kanadischen Psychologen, der den größten Teil seines Lebens an der University of Toronto forschte. Tulving war 1944 als Siebzehnjähriger vor der vorrückenden Roten Armee aus Estland geflohen, kam 1949 nach Kanada und studierte in Toronto und Harvard Psychologie. 1972 schlug er in einem Buchkapitel mit dem Titel „Episodic and semantic memory“ vor, zwei Gedächtnissysteme zu unterscheiden:
- Das episodische Gedächtnis speichert Erlebnisse mit Ort, Zeit und Gefühl: der Geburtstag, der Streit, der Ausflug.
- Das semantische Gedächtnis speichert Wissen: Namen, Fakten, Bedeutungen, die Hauptstadt von Estland.
Später ergänzte Tulving einen Gedanken, der den Unterschied fühlbar macht. Wer sich episodisch erinnert, reist im Kopf zurück und erlebt den Moment ein Stück weit noch einmal. Tulving nannte dieses Bewusstsein, als derselbe Mensch in der Zeit zu existieren, autonoetisch. Das semantische Gedächtnis liefert dagegen bloßes Wissen: Ich weiß, dass ich dort war.
Damit lässt sich die Szene vom Anfang genau beschreiben. Dass du auf der Klassenfahrt warst, weißt du semantisch, das Foto bestätigt es. Das episodische Wiedererleben, das deine Freunde gerade genießen, fehlt. Bei vielen hochbegabten und neurodivergenten Erwachsenen ist das semantische Gedächtnis stark, während das episodische für die Kindheit erstaunlich dünn ist. Beide Gründe aus diesem Artikel treffen genau dieses System: Dauerstress stört die Festigung von Episoden, und fehlende Gespräche verhindern, dass sie wieder aufgerufen werden.
Beide Systeme zusammen bilden das autobiografische Gedächtnis, das Gedächtnis für die eigene Lebensgeschichte. Es beantwortet die Frage, wer du warst und wie du zu dem Menschen geworden bist, der du heute bist. Wenn hier Kapitel fehlen, fühlt sich das an wie ein Verlust an Identität, und genau so beschreiben es viele Betroffene: als Nebel, als Fotoalbum eines Fremden, der zufällig aussieht wie man selbst.
Bruce McEwen und Robert Sapolsky: Was Stresshormone mit dem Hippocampus machen
Dass Stress dem Hippocampus schaden kann, war in den 1960er Jahren noch eine gewagte Vermutung. Bruce McEwen (1938–2020), US-amerikanischer Neuroendokrinologe an der Rockefeller University in New York, entdeckte 1968 mit seinem Team, dass der Hippocampus von Ratten besonders viele Andockstellen für Stresshormone besitzt. Diese Entdeckung warf eine Frage auf, die ihn ein halbes Jahrhundert beschäftigen sollte: Was geschieht mit einer Hirnregion, die so stark auf Stresshormone hört, wenn der Stress nie aufhört?
Ende der 1970er Jahre kam ein junger Doktorand in McEwens Labor, der später einer der bekanntesten Stressforscher der Welt werden sollte: Robert Sapolsky, geboren 1957, US-amerikanischer Neurobiologe und Primatenforscher an der Stanford University, Autor von „Why Zebras Don't Get Ulcers“ (1994). 1986 veröffentlichten Sapolsky, McEwen und ein weiterer Kollege aus dem Labor die sogenannte Glukokortikoid-Kaskaden-Hypothese. Sie beschreibt einen Teufelskreis: Der Hippocampus hilft normalerweise, die Stressreaktion wieder abzuschalten. Dauerhaft hohe Stresshormone schädigen ihn, ein geschädigter Hippocampus bremst die Stressreaktion schlechter, und die Stresshormone bleiben noch länger hoch.
McEwen fasste die Folgen 1993 gemeinsam mit dem Physiologen Eliot Stellar (1919–1993) in einem Begriff zusammen, der seither in der Medizin fest verankert ist: allostatische Last. Allostase bedeutet, dass der Körper sich durch Veränderung stabil hält, etwa indem er unter Belastung Herzschlag und Hormonspiegel anhebt. Das ist gesund, solange es vorübergeht. Die allostatische Last ist der Preis, den der Körper zahlt, wenn er diese Anpassung zu oft, zu lange oder ohne Erholung leisten muss.
Für das Kind im Klassenzimmer heißt das: Die einzelnen Belastungen eines Schultags waren klein, und gerade deshalb hat sie niemand bemerkt. Die Last entsteht aus ihrer Summe und ihrer Dauer. Ein Nervensystem, das Jahr für Jahr jeden Morgen um acht in Alarm geht, trägt genau die Art von Belastung, die McEwen beschrieben hat.
Katherine Nelson und die Emory-Forschung: Erinnerung entsteht im Gespräch
Den zweiten Grund hat eine andere Forschungstradition entdeckt. Katherine Nelson (1930–2018), US-amerikanische Entwicklungspsychologin, zuerst an der Yale University und ab 1978 an der City University of New York, untersuchte ursprünglich, wie Kinder sprechen lernen. Berühmt wurde ein ungewöhnliches Material: Die Eltern eines kleinen Mädchens nahmen über Monate auf, was ihre Tochter abends allein im Bett vor sich hin erzählte. Nelson und ihre Kolleginnen werteten diese Selbstgespräche aus und sahen, wie ein Kind den Tag ordnet, Ereignisse wiederholt und aus Erlebtem Geschichten baut, als Buch erschienen unter dem Titel „Narratives from the Crib“.
Nelson arbeitete eng mit einer Entwicklungspsychologin der Emory University in Atlanta zusammen. Diese Kollegin beobachtete Mütter und Kinder dabei, wie sie über Vergangenes sprechen, und fand zwei Stile. Manche Eltern sprechen elaborativ: Sie stellen offene Fragen, greifen auf, was das Kind sagt, und benennen Gefühle. Andere sprechen knapp und wiederholen vor allem ihre eigenen Fragen. Kinder elaborativ erzählender Eltern erinnerten sich in späteren Gesprächen an mehr Einzelheiten und erzählten zusammenhängender, wie sie mit zwei weiteren Psychologinnen 1993 zeigte.
2004 fassten die beiden ihre Befunde zu einer Theorie zusammen. Das autobiografische Gedächtnis reift nach ihrer Sicht im Austausch mit anderen Menschen heran. Ein Kind lernt im Gespräch, dass Erlebtes erzählenswert ist, dass es eine Reihenfolge hat und dass Gefühle dazugehören. Wo dieser Austausch fehlt, fehlt ein Werkzeug, um Episoden zu einer Lebensgeschichte zu verbinden.
Wie früh dieser Prozess darüber entscheidet, was bleibt, zeigte 2014 ein Forschungsduo, ebenfalls an der Emory University. Sie zeichneten auf, wie 83 Dreijährige mit einem Elternteil über Erlebtes sprachen, und fragten die Kinder in den folgenden Jahren erneut. Mit fünf bis sieben Jahren erinnerten sich die Kinder noch an etwa 63 bis 72 Prozent der Ereignisse, mit acht oder neun nur noch an etwa 35 Prozent. Wo Eltern im ersten Gespräch dem Kind folgten und seine Erzählung ausbauten, blieben die Erinnerungen besser erhalten. Für dich heißt das: Was über dein Erleben gesprochen wurde, hatte eine Chance, das siebte Lebensjahr zu überdauern. Was nie Thema war, hatte diese Chance kaum.
Was die Autismusforschung über das Gedächtnis für Erlebtes weiß
Eine dritte Spur führt zu Menschen im Autismus-Spektrum. Eine Forschungsgruppe an der City University London griff im Jahr 2000 auf Tulvings Unterscheidung zurück und ließ Erwachsene mit Asperger-Syndrom Wörter lernen. Beim späteren Wiedererkennen sollten sie angeben, ob sie sich an den Moment des Lernens erinnern oder ob sie nur wissen, dass das Wort dabei war. Die autistischen Teilnehmenden erkannten ebenso viele Wörter wieder, berichteten aber seltener vom Wiedererleben. 2008 fanden zwei Psychologinnen am Goldsmiths College in London dasselbe Muster für die eigene Lebensgeschichte: schwächere episodische, unbeeinträchtigte semantische Erinnerungen.
Für Hochbegabung gibt es vergleichbare Studien bisher nicht, und für ADHS sind die Befunde dünn. Was hier über hochbegabte Erwachsene steht, beruht auf dem, was sie in Gesprächen über sich erzählen, und auf den Mechanismen, die für alle Menschen gelten. Das ist eine ehrliche Grenze, und sie ändert nichts daran, dass die Mechanismen wirken, wo ihre Bedingungen erfüllt sind.
Wo sich die Forschung widerspricht
So einig sich die Fachleute darin sind, dass Stress und fehlende Gespräche das autobiografische Gedächtnis prägen, an vier Stellen streiten sie heftig:
- Zerfällt belastende Erinnerung, oder brennt sie sich ein? Van der Kolk beschreibt traumatische Erinnerungen als fragmentiert und sensorisch. Richard McNally, geboren 1954, US-amerikanischer Psychologe und Professor an der Harvard University, hält in seinem Buch „Remembering Trauma“ (2003) dagegen, dass wirklich schreckliche Erlebnisse in aller Regel gut, oft quälend gut erinnert werden. Für ein Thema wie deines ist dieser Streit aufschlussreich, denn beide sprechen von akuten Schrecken. Der leise, jahrelange Stress eines Schulalltags ist ein anderer Fall, und für ihn liefert McEwens Bild der allostatischen Last die passende Beschreibung.
- Anlage oder Umgebung? Die Londoner Autismusstudien legen nahe, dass manche Gehirne Episoden von Grund auf anders speichern. Die Stressforschung legt nahe, dass die Umgebung das Speichern erschwert. Beides kann zugleich stimmen, und auseinanderhalten lässt es sich im Einzelfall kaum.
- Lässt sich Verlorenes zurückholen? In den 1990er Jahren tobte in den USA ein Streit über verdrängte und in Therapien wiedergefundene Erinnerungen. Elizabeth Loftus, geboren 1944, US-amerikanische Psychologin an der University of California in Irvine und Autorin von „The Myth of Repressed Memory“ (1994), zeigte in Experimenten, wie leicht sich falsche Erinnerungen erzeugen lassen. In ihrer bekanntesten Studie erinnerte sich etwa ein Viertel der Teilnehmenden ganz oder teilweise daran, als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen zu sein, obwohl das Ereignis erfunden war. Klinikerinnen und Kliniker, die mit schwer traumatisierten Menschen arbeiten, hielten dagegen, dass Erinnerungslücken real sind und ernst genommen werden müssen. Beide Seiten haben recht, und deshalb gilt heute: Eine Lücke bleibt ehrlich, und eine nachträglich gebaute Erinnerung kann sich vollkommen echt anfühlen, ohne es zu sein.
- Verdrängung oder Reifung? Freud sah in der infantilen Amnesie eine seelische Abwehr. Die heutige Forschung erklärt das Vergessen der ersten Jahre vor allem mit der Reifung des Gehirns und der Sprache. Für die Lücken neurodivergenter Erwachsener, die weit über die ersten Jahre hinausreichen, gibt keine der beiden Erklärungen allein eine Antwort.
Aus diesem Streit ergibt sich ein brauchbares Bild. Die Lücken sind real, sie haben Gründe, und keiner dieser Gründe verlangt, dass du deine Kindheit jetzt rekonstruieren musst.
Was das für den Abend am Tisch bedeutet
Kehren wir zum Abendessen zurück. Deine Freunde reisen gerade gemeinsam in die Jugendherberge zurück, und sie tun das, weil sie damals und viele Male danach über diese Fahrt gesprochen haben. Ihr episodisches Gedächtnis hat die Szene oft genug aufgerufen, um sie zu behalten. Dein semantisches Gedächtnis weiß, dass du dabei warst. Ob dir damals die Jugendherberge zu laut war, ob du am Rand gestanden hast oder ob du einfach erschöpft warst, hat vermutlich niemand gefragt. Die leere Stelle in deinem Kopf ist deshalb eine Information über die Bedingungen von damals.
Wichtig ist eine Abgrenzung. Fehlende Kindheitserinnerungen sind ein Hinweis, der zu anderen Hinweisen passen kann; erst im Zusammenspiel mit ihnen sagen sie etwas über Hochbegabung, ADHS, Autismus oder ein Trauma aus. Für das Verständnis braucht es dabei kein Etikett: Wenn du das Muster bei dir kennst, wirken die Mechanismen, egal ob jemals eine Diagnose gestellt wurde. Wer sich trotzdem Gewissheit wünscht, findet sie in einer fachkundigen Diagnostik. Und wenn die Lücken dich belasten, etwa weil du dich oft fühlst, als stündest du neben dir selbst, gehört das in die Hände von Menschen, die Erfahrung mit Trauma und Dissoziation haben.
Die anderen drei Gründe für fehlende Kindheitserinnerungen
Chronischer Stress und fehlende Spiegelung sind zwei von fünf Gründen. Die anderen drei sind:
- Dissoziation als Schutz: Das Nervensystem koppelt Teile des Erlebens ab, wenn sie zu viel werden. Pierre Janet (1859–1947), französischer Psychologe und Psychiater, beschrieb diesen Mechanismus schon 1889 in „L’Automatisme psychologique“.
- Masking bindet Kapazität: Ein Kind, das den ganzen Tag damit beschäftigt ist, normal zu wirken, verbraucht dafür einen großen Teil seines Arbeitsspeichers.
- Ein Erleben ohne Deutungsrahmen: Erfahrungen, für die es keine Erklärung gibt, lassen sich schlecht einordnen und schlecht behalten.
Wie diese drei Gründe genau wirken, wie sie sich gegenseitig verstärken und was es für dich bedeutet, ihnen auf die Spur zu kommen, gehört zu den Themen, mit denen wir im Programm „Du warst nie das Problem“ in der Phase Aufwachen und später in der Phase Lernen arbeiten.
Was möglich ist
Ein Stück deiner eigenen Geschichte ist vermutlich nicht abrufbar, und das darf traurig machen. Gleichzeitig verändert sich etwas, sobald du den Satz „Ich habe ein schlechtes Gedächtnis“ gegen eine genauere Beschreibung tauschen kannst: An diese Zeit habe ich kaum Erinnerungen, und dafür gibt es Gründe. Mit dieser zweiten Beschreibung lässt sich arbeiten, und sie lässt dich heil.
Dasselbe Abendessen kann sich auch anders anfühlen. Derselbe Lehrername fällt, dieselben Geschichten machen die Runde. Du sitzt wieder da, ohne Jugendherberge im Kopf, und diesmal fehlt der kleine Stich der Scham. Du hörst den anderen zu wie jemand, der eine Reise nacherzählt bekommt, an der er teilgenommen hat, und du bist neugierig auf die Einzelheiten. Vielleicht fragst du sogar nach, wie es in diesem Schlafsaal geklungen hat, und merkst dabei, warum er dir damals zu viel gewesen sein könnte. Der Abend bleibt derselbe. Was sich verändert hat, ist die Geschichte, die du dir über dich erzählst.
Viele Menschen, die spät verstehen, dass sie hochbegabt, autistisch oder ADHS-betroffen sind, erzählen, dass nach dieser Erkenntnis einzelne Erinnerungen auftauchen, die vorher unzugänglich waren. Der neue Rahmen hilft, Erlebtes einzuordnen. „Du warst nie das Problem“ begleitet erwachsene Neurodivergente rund zwei Jahre lang durch genau diesen Prozess, in vier Phasen: vom Aufwachen über das Lernen und das Annehmen bis zum Gestalten eines Lebens, das zum eigenen Nervensystem passt. Wer herausfinden möchte, ob das der richtige Weg ist, kann auf dwndp.de ein Erstgespräch vereinbaren. Solange die Kursvideos entstehen, läuft eine Pilotphase mit deutlich reduziertem Preis.
Was fehlt, hat dein Gedächtnis damals zurückgehalten, um dich zu schützen.
Heute darfst du verstehen, wovor.
Quellen
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